Ahvak "Ahvak" (Cuneiform Records 2004)

Eigentlich kann ich gleich vom Pressezettel abschreiben: Die Band Ahvak, benannt nach dem hebräischen Wort für "Dust" (Staub), kreiert eine dunkle, ominöse Musik von bezwingender Schönheit. Seine erstaunlichen und eleganten Kompositionen verwischen die Grenzen zwischen Klassik, Rock und Folk. Das verbindet die Band mit anderen R.I.O. (Rock In Opposition) Bands wie Univers Zero und Present (Belgien), The Science Group (UK), Samla Mammas Manna (Schweden), Thinking Plague und 5uu´s (USA)…
Das kann so stehen bleiben. Ahvak sind Yehuda Kotton (g), Ishay Sommer (b), Udi Susser (key, woodwinds, voc, baglama, darbooka), Roy Yarkoni (key, p), Dave Kerman (dr, perc) und Udi Koomran (computer). Komponisten sind vor allem die beiden Keyboarder Udi und Roy, aber auch Gitarrist Yehuda hat ein Stück beigetragen. Die mir bisher vollkommen unbekannte Band setzt qualitativ ganz oben an und präsentiert einen ausgefeilten, komplexen Avant Prog Rock, der trotz aller intellektuellen Schwere genügend Bauch und Herz aufweist und kraftvoll vorankommt. Thinking Plague und 5uu´s sind nähere Verwandte, aber auch Present und Univers Zero können als etwaiger Vergleich herangezogen werden, im Grunde taugen diese Vergleiche jedoch nur bedingt, Ahvak arbeiten äußerst eigenständig.
Erstaunlich, dass sich Dave Kerman, der seit längerer Zeit in Israel lebt - wo Ahvak zu Hause sind - mal wieder hören lässt. Erstaunlich deshalb, weil der alte Knabe sich vor nicht langer Zeit vom Progressive Rock distanzierte ("Prog is dead", seine Kolumne soll 5 Din-A4-Seiten lang sein, hab´ ich leider noch nicht lesen dürfen!) und 5uu´s (samt fertiger Songs) ins Archiv verschob. Willkommen zurück, genialer Schlagwerker und illustrer Musikgeist!
Weiterer bekannter Musiker ist Udi Koomran, der bei 5uu´s und, wenn ich nicht irre, dem Mutterschiff Motor Totemist Guild als Gast tätig war und dort für ungewöhnliche Soundeffekte gesorgt hat, zudem hat er 2 Present-Alben produziert.
Der "gelernte" Komponist und Multi-Instrumentalist Roy Yarkoni hat bereits ein Solo-Album mit elektronischer Musik veröffentlicht, demnächst folgt sein 2. Werk, auf dem auch Ishay Sommer zu hören sein wird.
Komponist Udi Susser ist eigentlich praktizierender Psychiater. Er hat bereits einige Kassetten unter eigenem Namen mit Keyboard-lastigem Progressive Rock eingespielt.
Bassist Ishay Sommer veröffentlichte ein Album mit der Death Metal Band Dalmerot´s Kingdom. Nur Gitarrist Yehuda Kotton, der einen ungewöhnlichen, beeindruckenden Stil spielt und dabei an Mike Johnson von Thinking Plague erinnert, ist musikalisch nicht vorbelastet.
Den Auftakt macht das komplexe "Vivisektzia", das in 8 Minuten zwischen Avant Prog und Folk wandelt und düstere, kraftvolle Dramatik und Wucht präsentiert. Hervorragend komponiert, ist dieser Song gleich ein Paradebeispiel für die Qualität der Band, vielschichtige, dissonante und "fehlerhafte" Melodiemuster ineinander zu verflechten. Das zweite Stück "Bherta" schließt sich in ähnlichem Geiste an, der Wechsel von leichter Note und schwerer Düsternis ist absolut mitreißend. Schön, dass Dave Kerman sich, wie überhaupt immer, und überall auf "Ahvak", kein Stück verschreckt zurückhält, sondern kraftvoll und selbstbewusst trommelt, so werden die teilweise schwer in sich verwobenen, verschachtelten und überaus komplexen Melodielappen flott angetrieben. "Regaim" ist ein kurzer akustischer Abstecher in Neue Musik, der die Verwandtschaft von Klassik und Progressive Rock deutlich vor Augen führt. Schönes Stück, lässig gespielt, mit Spitzen von deftiger disharmonischer Note.
Schließlich folgt das Titelstück, ein 16minütiges Avant Prog Monster, das eine unbeschränkte Menge Musikmaterial komprimiert und dehnt. Bedächtig beginnt ein schleppendes Motiv, das sich in temperamentvolle, gleichsam düster/komische, elegisch/schnelle Momente aufsplittert, die einander abwechseln und bereichern, der zweite "Vokaltrack" nach dem Opener präsentiert mit knappen Lyrics Udi Susser´s computermanipulierte Stimme. Das Motiv flaut ab und flatterhafte, deutlich schräge Melodien nehmen Besitz an dem Stück. Schließlich passiert dort etwas, was bei guten, alten Zappa-Sachen oft der Fall war, der Song funktioniert von allein, als würde eine Art Trance die Musiker mit dem Song verbinden. Auf höherer Ebene fährt das Stück fort, es fällt schwer, konzentriert zuzuhören, ohne in Bann und Strudel gerissen zu werden, der Song wirkt wie eine Droge, entschwebt die Sinne der Realität und verzaubert. Im folgenden "Melet" entspannt sich die musikalische Wucht etwas. Der Song des Gitarristen Yehuda Kotton ist ein kurzes Intermezzo aus Computer, Electronics und Gitarre. Wieder ein ungewöhnliches Motiv, das gängigen Mustern nicht vergleichbar ist. "Hamefahakim" entwickelt sich in 13 Minuten ähnlich wie der Titelsong.
Akustischer, folkloristischer und lyrischer ist das Stück. Doch auch hier ist der harte Wechsel zwischen düsterem Avant Prog und fast schon komischer, heller Note beherrschend. Ein weiteres grandioses Werk von verflochtener Natur, streng aufgebaut, lässig intoniert. Düster, dramatisch, aber nicht aufgetragen. Hell, fröhlich, aber nicht beschwingt. Dies stets im selben Moment, grandios… Ahvak sind fabelhafte Musiker, mit großer Gabe ausgestattet. Jeder Einzelne ist begnadet, doch erst in der Gruppe wächst die Qualität zu Höherem. Nicht zuletzt der abschließende Schnipsel "Pirzool", eine komische, düstere Farce, beweist dies. Ahvak werden, wenn sie weiter zusammen arbeiten, für Aufregungen sorgen. Bleibt zu hoffen, dass Dave Kerman an Bord bleibt und nicht wieder von dummen Gedanken gequält wird.

cuneiformrecords.com
VM



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