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Freakshow Artrock Festival
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am 14. und 15. Juni 2003 im Saalbau Luisengarten in Würzburg
In den letzten Jahren haben sich im "jungen" Amerika einige Progressive Rock Festivals etabliert. Das "alte" Europa steht dem nach anfänglicher Schwerfälligkeit nun nicht mehr nach. In Frankreich, Belgien, Schweden, der Schweiz und Deutschland finden sich Veranstalter, die mit viel Aufwand und zumeist großen finanziellen Risiken kleine Festivals für progressive Musik veranstalten. Charly Heidenreich, Würzburgs Freak Number One, hat schon etliche Konzerte organisiert. Der leidenschaftlicher Progressive Rocker ist ein begnadeter Organisator, der in Hochphasen auf 300 Prozent läuft und dabei den vollen Überblick behält. Gerade der Richtige für eine so riskante Veranstaltung.
Denn der Prog Freaks sind nicht gerade sehr viele und sie verteilen sich weit über das Land. Zudem sind einige unter den Jüngern nicht mehr die Jüngsten und lieben eher den High End-Sound im heimischen Musikzimmer, als sich auf Festivals rumzudrücken, wo stets die Gefahr besteht, zu viel Geld an den Merchandise-Ständen auszugeben oder sich an schlechtem Sound zu ärgern.
Der Ruf des "Freakshow Artrock-Festivals" musste also die Sinne der Freaks reizen, um Aufsehen zu erregen. Und siehe da, Charly, der sich lange nicht so ganz in die Karten blicken ließ, schüttelte ein Ass aus dem Ärmel, das den Saalbau Luisengarten gut füllte.

Da saß nun ein Publikum, das auf T-Shirts seine Religion kundtat. Alte Freaks, junges Volk; lange Haare, Glatze und Irokese, die Vielfalt war nett anzuschauen. Zwar war die Bestuhlung des Konzertsaales etwas befremdlich (die "Tänzer" schaukelten später seltsam auf ihren Stühlen). Doch gerade bei Bands wie Änglagard oder High Wheel war dies angebracht.
Ein großer Raum war Händlern vorbehalten, die ihre CD- und LP-Pakete ausgepackt hatten, was schnell und stürmisch begrüßt wurde. Die Vinyl-Highlights schienen schnell verkauft zu sein, als ich später mal durch die Platten wühlte, fand sich nur ein durchschnittliches Angebot, was bei den CD-Ständen ganz anders war. Von Mainstream bis Avantgarde war viel progressiv angehauchtes bis verseuchtes Material vorhanden. Dort hatten die Fans 2 Tage lang auch die Chance, mit den Musikern von Anekdoten, Änglagard und Paatos zu reden, die ihre Veröffentlichungen selbst verkauften.
Ein vielstimmiges Gemurmel füllte die Räume. Fachsimpelei en gros und en detail hub an. Das angestaute Mitteilungsbedürfnis entlud sich allerorten, die Stimmung war friedlich, locker und angenehm. In kleinen Gruppen sammelte sich das Volk; italienischer, französischer, schwedischer, polnischer und sicher weiterer Herkunft waren viele Freaks, das bunte Treiben war höchst angenehm und entspannt. Pech hatte nur, wer nicht dabei war.
Charly, als wirbelnder Organisator, rief die Leute zur ersten Band und die Gemeinde zog in den Saal. Charly begrüßte das Publikum auf deutsch und englisch und bat anschließend das weit nach hinten verbannte Publikum auf den "billigen" Stehplätzen nach vorn, auf die leeren Sitzplätze. Als diese Koordination, die sich vor weiteren Konzerten einige Male wiederholte, abgeschlossen war, erlosch das Licht, der Vorhang lichtete sich und Genesis spielten ein neues Set.
Es waren dann doch nicht Genesis, die dort auf der Bühne standen, sondern die Italiener The Watch, die einst als Genesis-Coverband begonnen hatten und nun ihr eigenes Materila zum besten gaben. Ihre langen Songs sind musikalisch auf die frühen Genesis zugeschnitten, optisch unterstützt von der kunstvollen Maske des Sängers. Ich verlor völlig das Zeitgefühl und hatte das bange Gefühl, dass der erste Song nie mehr enden würde, die folgenden waren länger. Sehr auf Gesang fixiert und mit wenigen, kurzen Instrumentalausflügen bereichert, spielte die Band ein gutes Set in erst schlechtem Sound. Die folgenden Kommentare gingen von "der Gesang ist Scheiße" über "mehr Instrumentales!" bis hin zu "der Gesang ist gut" und gar "zum Thema Genesis ist doch wohl alles gesagt" etwas auseinander.
Immerhin hatte sich der Sound während des Konzertes gebessert. Nach der Umbaupause erklommen Paatos, die Erben Landberks, die Bühne. Musikalisch nicht mit den Vorderen zu vergleichen, gaben sie die typische skandinavische Melancholie zum besten. Es war nicht unbedingt Progressive Rock, was Paatos spielten, doch ungemein berückend und beeindruckend. Sängerin Petronella Nettermalm entpuppte sich als die schwedische Antwort auf Björk, die Band fuhr in den epischen Songs schleppende Düsternis und harten Rock auf und verzauberte das Publikum. Paatos gaben ein ausgezeichnetes Konzert und verblüfften mit spannenden musikalischen Ideen.
Danach war das Publikum sehr angetan und mitgebrachte LP und CD verkauften sich von selbst. Die sympathische Band war innerhalb kürzester Zeit umgezogen und bot, verschwitzt und außer Atem noch, ihr Angebot feil. Ein entzückter Prog Freak sah seine Ehe in Gefahr geraten, weil Sängerin Petronella ihm die Sinne raubte. Da waren allerlei Gefühle in Aufruhr geraten. Der Ärmste musste ein 5-Kugel-Eis verspeisen, um wieder runterzukühlen...
Doch das nützte letztlich nicht viel, die nachfolgende Band weckte ganz andere Gefühle, die nicht minder verzückten. Änglagard, der Geheimtipp, stand wirklich auf der Bühne, nach 8 Jahren gaben sie ihr erstes Konzert, etwas nervös zuerst. Kein Wunder, ihr ultrakomplexes Gebräu ist wohl jedes Mal wieder eine Herausforderung, um so mehr nach 8 Jahren. Kaum waren die ersten Töne gespielt, war das Publikum gebannt. Daran konnte auch die technische Panne nichts ändern, die die Trommelfelle des Auditoriums auf eine harte Probe stellte. Das Problem wurde behoben und ein hervorragendes Konzert begeisterte die (meisten) Hörer. Hier waren, neben alten Stücken, erste neue Songs zu hören (die dem alten Material stilistisch glücklicherweise ähneln). 5 der 6 Änglagards sind verblieben, in Würzburg bewiesen sie, welch ausgezeichnete Musiker sie sind. Stürmischer, nicht enden wollender Applaus ging über der Band nieder, was die Musiker schüchtern und erfreut machte. Das Publikum war nach der Zugabe nicht mehr zu bremsen, der Saal tobte!
Für viele war ihr Auftritt der erste große Höhepunkt (andere sahen dem verständnislos zu). Manche brachte zur Sprache, was wohl viele dachten: wie machen die das nur, sich dieses so sehr komplexe Zeug zu merken und in jeder der 15 Minuten eines "Liedes" die richtigen Töne an der richtigen Stelle zu bringen... Die Meinungen gingen auch hier auseinander, so ist es nun mal, wenn alle Fraktionen zusammensitzen. Da aber für jede Fraktion etwas dabei war, war dies für niemand ein Problem.
Vor dem letzten Konzert des ersten Tages musste der Saal komplett geräumt werden, Magma bauten ihre Instrumente auf. Das ist stets ein aufwändiges Unternehmen, vor allem beim Schlagzeug, das Kobaianer-Chef Vander bis auf den Millimeter ausrichten und anschließend festnageln (!) läßt.
Hinter dem Haus, auf dem Hof, waren Tische und Bänke aufgebaut. Indisches Essen gab es, kühle Getränke. Und wenn er eine organisatorische Pause hatte, huschte Charly Heidenreich mit einem Müllsack durch die dichtgedrängten Reihen und sammelte Abfälle ein.
Magma gönnten sich erst eine Kunstpause. Sodann spielten sie ein zweiakkordiges Stück über 30 Minuten. Anschließend war das Publikum gespalten. Einige flohen, andere waren verwirrt, die nächsten in Trance. So ging es fort bis zum Ende und die Wucht der Musik war enorm. Ihre langen Stücke sind sehr gesangslastig, Vander und seine 4-köpfige Sänger(innen)-Schar bestimmten vollständig die Musik. Die minimalistische, jazzbetonte Musik ist ein bretthartes instrumentales Gerüst, das im Vergleich zu früheren Konzerten dem Gesang gegenüber zurückgenommen wirkte. Die anschließende Befriedigung/Erschöpfung war groß, es war fast 4 Uhr am Morgen geworden und die aufgekratzte und doch müde Schar zerstreute sich.
Am nächsten Tag kreuzten gegen 13 Uhr die ersten Festivalbesucher auf. Es hatte sich bereits zu Beginn des ersten Tages herumgesprochen, dass der Hauptact des 2. Tages abgesagt hatte. Isildurs Bane konnten aus Krankheitsgründen nicht spielen. Kein Vibraphone! Ein Jammer... Die Konzerte der anderen angekündigten Bands waren komplett nach hinten verschoben und als Opener kurzfristig Trigon eingesprungen, ein deutsches Gitarre/Bass/Schlagzeug-Trio. Ziemlich pünktlich ging es auf der Bühne los und das Trio weckte die Hörer mit hartem Rock und laaangen Gitarrensoli.
Anschließend zeigte sich, dass der Großteil der Freaks mit Trigon nicht so ganz glücklich war, was auch die leeren Sitzreihen zeigten. Das lud auf ein Schwätzchen oder das Durchstöbern der CD-Kisten ein. Kühle Getränke zogen die Freaks an die Sonne. Aber nicht lange und High Wheel spielten ihr Set.
Es war quasi ein Heimspiel für die Bayern, was sie zu lockeren Sprüchen und einigem Humor animierte. High Wheel´s komplexer Symphonikrock fuhr in langen Songs zu Hochform auf. Der Sound besserte sich während des Konzertes und die Reaktion des Publikums war sehr positiv. Songs aller drei Alben wurden gespielt, die gute Musik und die lockere Athmosphäre füllten die Sitzreihen. Spätestens zur Zugabe war die Festivalstimmung wieder ganz oben. Auch an diesem Tag gingen die Kommentare weit auseinander, wobei einige nüchterne Stimmen Forcierung des weiteren Ablaufs verlangten, um endlich bei ihrem Hauptact anzulangen.
One Shot aus Frankreich stiegen als nächste Band auf die Bühne. Keyboarder, Bassist und Gitarrist sind Teil der Magma-Besetzung, die hier, in eigener Band mit hervorragendem Schlagzeuger, ihre Ansicht von Jazz-Fusion zum Besten gaben. Schon der ultralange eröffnende Song war eine Parforcejagd. Das Stück schien auf der Schwelle zu schweben und gleichzeitig durch die Hirne der Zuhörer zu rasen, von bedrohlichen Untertönen auf extrem gespanntem Niveau gehalten. Keyboard- und Gitarrensoli schnitten rasante Brüche in den wie die folgenden Songs und bestimmten das melodische Geschehen, während Bass und Schlagzeug einen schwer komplexen, aber groovigen Rhythmus hielten. One Shot spielten Songs beider Alben und verführten das Publikum zu stürmischem Applaus, wenn andere Zuhörer auch gelangweilt schienen. Als Zugabe spielten sie ein neues Stück, das sich vom alten Material unterscheidet, elektronische Töne, Soundverfremdungen wurden in den harten Jazzrock gewoben.
Charly Heidenreich erschien wieder auf der Bühne. Eile war geboten, eigentlich sollten die Konzerte um 22 Uhr beendet sein, was aber längst nicht eintraf. Nach erneuter langer Umbaupause, in der schon das Ende des Festivals abzusehen war: Händler packten ihre Sachen, einiges Publikum verabschiedete sich, traten kurz vor 22 Uhr endlich Anekdoten auf die Bühne. Die Schweden hatten 2 Tage ausgeharrt, ihre CDs, LPs und T-Shirts verkauft und konnten nun zur Musik zurückkehren. Das Konzert setzte wohl die tiefsten Gefühle frei, nicht (nur), weil Anna Sofi auf der Bühne war, nicht, weil sie kein Cello dabei hatte, nicht vor Begeisterung, sondern vor Verblüffung und oftmals tiefer Enttäuschung. Anekdoten hatten ihr neues Album mitgebracht und spielten Songs daraus. Das neue Material zeigte sich, wie bereits das vom Vorgänger, sehr straight, eher alternative als progressive. Zwar gab es Mellotron zuhauf, schwedische Melancholie, Düsternis und schwere Töne, aber nicht in dem komplexen Gewand der ersten Alben. Sicher spielten Anekdoten aber Songs der frühen Alben und ein sehnsuchtsvoll-begeistertes Publikum brandete in Euphorie auf. Die neuen Songs nahm das Publikum ruhiger, mit höflichem Applaus. Danach äußerten sich schwer enttäuschte Stimmen. Das hielt die Zuhörer nicht davon ab, Zugaben einzufordern. Auch diese Nacht wurde lang.
Doch irgendwann war Ruhe eingekehrt, ein paar Letzte saßen im Hof, dabei die müden Anekdoten. Das Festival, so schön es gewesen, war nun vorbei. Die, die dagewesen waren, werden sicher wiederkommen. Und wenn sich herumspricht, dass Würzburg mit Charly Heidenreich diesen fabelhaften Veranstalter hat, der das kleine, feine Festival so entspannt und perfekt (trotz aller möglichen und unmöglichen technischen Macken) aufzieht, werden mehrere kommen. Hoffentlich ist die finanzielle Seite positiv ausgegangen, so dass ein kommendes Festival erst möglich wird. Im nächsten Jahr.
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