Arve Henriksen "Places of Worship" (rune grammofon, 25.10.2013)

Die Düsternis des Covers, im Zentrum der Baum. Die endlose Weite der endlosen Waldebenen in Norwegen. Skandinavische Melancholie hat kein Ende, solange Skandinavien besteht. Der norwegische Trompeter Arve Henriksen, der sein Instrument nicht nur in klassischer Reinheit spielt, sanfte Töne pustet, quäkige Laute gebiert, die in diesem elektronisch lyrischen Jazzumfeld einmal mehr episch melancholisch klingen, singt auch. Lautmalerisch. Und nimmt mit seinem Rekorder in freier Wildbahn auf. Seine Field Recordings sowie die Samples und programmierten Sounds von Jan Bang plus die Synthesizer-Arbeit von Erik Honoré samt Rhythmusprogrammierung und weitere Samples sind die Basis der 10 tieflyrischen, schwermütig dunklen und episch großen Wohlfühltracks. Stilistisch ist "Places of Worship" wohl treffend als ambienter, skandinavischer Dark-Folk-Jazz im ECM-Erbe bezeichnet: die verloren kratzige Trompete, spärlicher Rhythmus, wohltuend sanfter Bass, flüssige Elektronik, jazzfusioneske Keyboardläufe, alles sphärisch lyrisch und in großer Stille angelegt.
Ein paar Gäste waren hier und da beteiligt. Eivind Aarset (g) als wohl bekanntester Name, das Stahlquartett, Lars Danielsson (b), Jon Balke (p) und Ingar Zach (perc). Laut wird es in keinem der Songs, selbst dann nicht, wenn die Emotion eines Themas die Band in ihren Rausch zieht und Lautstärke stürmt. Was kaum vorkommt. Die zurückgezogene, ungemein tiefe Lyrik der Songs besteht auf ihre karge Stille, weite Fläche, angerissene Melodiestruktur, große, harmonische Epik. In aller Dunkelheit der Themen ist nichts Bedrohliches, eher wohlige Einsamkeit, ausgelebte Entspannung. Die Songs können im Esoterik-Laden funktionieren, in ‚ambitionierten' Butiken. Der kuschelige Sound verstört niemand. Aber er ist mehr als Hintergrundbemalung. Und doch leider sehr nah am allgemeinen Wohlgefühl. Sein Jazz, seine Folklore-Ansätze (mal afrikanisch: "Alhambra", mal gälisch: "Le Cimitière Marin", fast immer norwegisch) sind komplett unangestrengt und nie zu stofflich, aller Sound läuft so nebenbei durch, kaum wahrgenommen, seine Hörer einkuschelnd. Darauf konzentriert wird "Places of Worship" wohl nur die Hörer finden, die auf mehr als Wohlgefühl aus sind. Ob die mit dem Album ausgefüllt sind, ist fraglich.
Trotzdem: gutes Stück Musik.

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VM





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