Bosch "Bosch" (Token Boy Records, VÖ: 15.11.2009)

Zwei Tage war das Trio im Studio. Absolvierte vier Aufnahmesessions, zwischendurch, so steht es im Begleitschreiben zum Debütalbum des noch jungen Bandprojektes, sind Christopher Brown (dr, voc, electr, perc, toys, Random Touch), Charles Greenleaf (g, key, electr, tr, perc, voc, b, looper) und Kevin J Sims (b, g, electr, groove box) ein paar Runden geschwommen und haben sich zur Inspiration DVDs angeschaut. Das Resultat sind 13 Tracks, die rein aus improvisativer Inspiration entstanden, dem Klima in der Band, der gemeinsamen Interaktion, der aus dem freien Spiel sich entwickelnden Energie, wenn plötzliche Soundfäden sich vereinen, verknüpfen und aus dem unabhängigen Spiel der drei individuellen Musiker der Gruppensound wird, Songs entstehen, die eigene Energie haben, Struktur, Rasanz und Charakter.
Bass, Gitarre, Electronics und Schlagzeug sind die vorherrschenden Instrumente, und mancher Klang, der hier entstanden ist, wirft die unwillkürliche Frage auf, welches Instrument wie gespielt diesen, mit Verlaub, geilen Sound, überraschend schrägen Sound heraufbeschwört.
Wer eine Schublade will, kann sie Avantgarde nennen, oder Avant, Noise, Free Improvisation, Neue Musik, Electro Avantgarde oder Pop. Bosch sind erheblich eingängiger und wirklich poppiger als Random Touch, der Multimedia-Band, der Christopher Brown seit 1979 sein eigenwilliges Schlagzeugspiel, seine Inspiration und Klangidee leiht. Random Touch sind andere Musiker, eine andere Bandchemie, andere Einflüsse, ein anderes Umgehen miteinander.
Bosch ist für alle drei Beteiligten eine große Herausforderung. Christopher Brown ist erheblich älter und entspannter als seine beiden Mitarbeiter. Das Trio kennt sich gewiss nicht so intensiv und lange wie die drei in Random Touch, sie haben andere Einflüsse und Sozialisierungen, und vielleicht verneigen sie sich zu tief voreinander.
Aber davon ist nichts in der Musik zu spüren. Scheint, als hätte das Trio nicht nur gute Energie im Studio entwickelt, sondern im Auswählen später auch ein glückliches Händchen gezeigt. Wie die Tracks geschnitten sind, wie lang, intensiv, welche emotionalen Inhalte sich wie darin verquicken, das ist nicht nur Resultat der Einspielung, die sicher eine ganz andere Qualität hatte, als die spätere Bearbeitung, der Schnitt, das Rausarbeiten der einzelnen Tracks aus dem Sessionwust, der aufgezeichnet wurde.
Was könnte es anderes sein, und vielleicht machen sich freie Improvisateure da am meisten frei und gehen aus stilistischen Vorgaben, eigenen Vorlieben und vorhandenem Material auf abertausenden von CDs von tausenden Bands weit heraus, was könnte es anderes sein, als die ewige Suche nach neuem Sound, eigener Musiksprache, die sich nicht durch Einengung und kompositorische oder melodische Vorgaben ergibt, sondern aus dem gemeinsamen Erspüren.
Bosch sind sehr verspielt, aber auch sehr energisch, hier und dort sind ihre Songs erstaunlich griffig, gar geradezu poppig, eingängig, für Gewohnte dieser Spielart wohlgemerkt. Die Rhythmusabteilung spielt mit Bits und Breaks, Jazz Fusion hängt zwischen den Zeilen, Psychedelic Rock wie im Endsechziger Krautrock oder die Avantgarde der elektronischen Musik sind etwaige Vergleiche. Konkrete Ähnlichkeiten sind im Rhythmus nicht zu finden, zu einzigartig zerdeppert Christopher Brown mit seiner Basstrommel Rhythmusideen, zerhackt mit unruhigem Untakt jede zu leichte Nachvollziehbarkeit.
Und trotz aller Schräglage, avantgardistischer Radikalität und künstlerischer Freiheit machen sich viele nachvollziehbare, gar leicht nachvollziehbare Parts frei. Kevin Sims arbeitet in diversen Bands, so auch in Hey Y'all, wo Gitarre, Bass und Groovebox Sound machen. Dieser Rhythmusflitterkram, das Gefiepse, der verspielte Sound, die tüftelige Zersplitterung des Rhythmus mit der oftmals nur hintergründigen Harmoniesprache der Melodieinstrumente, das geht schon leicht rein, lässt den Kopf schütteln und die Beine wippen. Popmusik! Aber was für eine…
Ich weiß nicht, ob der erste Track auch wirklich zu Anfang der Sessions gespielt wurde, eher nicht, so organisch und zivilisiert wie "Dreaming of Daybreak" klingt. Der Einstieg des Schlagzeugs in die flott und geradezu fetzig installierte Verspieltheit der lockeren Themenfreiheit mit seinem fetten Jazzmonstermotiv klingt, als hätte die Band schon jede Hemmung verloren und sich auf die Instrumente gestürzt, als müsse sie die beste und schönste Arbeit ihres Lebens tun.
Was sie getan hat.

tokenboyrecords.com/bosch
VM



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