PASCAL COMELADE Mètode de Rocanrol (Because01272, 2007)

Nach wem sich in Japan eine Band benennt, der ist Kult. Hierzulande brachte dem Taufpaten der Pascals freilich selbst die Filmmusik für Sommer Vorm Balkon bestenfalls Vergleiche mit Yann Tiersen ein. Der inspirierte Comelade, nach dessen Fehlstart 1975 als Heldon-Verschnitt, bereits als Drittklässler zu dem musikalischen Einfall, den der seit 30 Jahren variiert, oder? Tatsächlich ist Comelade keine schlechte Antwort auf gleich zwei Fragen, nämlich ob Witz und Traurigkeit sich vertragen und ob Frankreich ein Land des Lächelns ist. Ad 1 orientiert sich der 52-jährige aus Montpellier, von dem es heißt, er sei big in Katalonien, an Erik Satie (plus Nino Rota & Kurt Weill), ad 2 fallen Namen wie Jacque Tati oder, nein, nicht schon wieder Amelie. Ready-Made (1980) verweist auf Duchamp, La Dialectique Peut-Elle Casser des Briques? (1984) auf Hegel und Spirou, Détail Monochrome (1984) auf Yves Klein, El Primitivismo (1987) oder L'Argot du Bruit (1998) auf Dubuffet, Pataphysical Polka (1991) auf Jarry, Topographie Anecdotique (1993) und Logicofobisme del Piano en Minuscul (2003) auf Satie, Psicotic Music' Hall (2002) und Back to Schizo (2004) auf Deleuze etc. Comelades minimalistische Simplizität und ‚Kindlichkeit' sind alles Mögliche, nur nicht infraintellektuell, seine Musica Populaire klingt nur so, so beschwingt, so ohrwurmig, so voller akustischer Déjà-vus, so unverwechselbar comeladesk.

Im Zentrum von Mètode de Rocanrol (Because01272) steht wiederum meist ein winziges Spielzeugklavierchen, dazu schrammeln Banjos, unkt eine Tuba, schnauft eine Heimorgel, schmachtet das Akkordeon, bluest eine Wahwah-Posaune, fiept eine Mundharmonika, schwingt ein Saxophon die Hüften, heult eine Säge den Mond an, trötet ein Plastiktrompetchen, gespielt von ihm selbst, dem Multiinstrumentalisten Pep Pascual und dem Drummer Didier Banon. Rocanrol gibt es als ‚Elvis Loved Dogs', zwischen Tango und Rumba leistet sich ein Walzer sogar ein richtiges Klavier. Jopo de Pojo ist quicklebendig und Morricone trifft selbst für Heliogabals bizarre Parties den richtigen Ton und beide schlürfen sie Cocktails, die der Barmann des Satans mixt. Paul Wittgenstein genügten die fünf Finger der linken Hand zum Klaviervirtuosen, Comelade braucht nie mehr als zwei. ‚The Halucinogenic Espontex Sinfonia' versetzt Ravel durch eine Injektion Morricone ins Delirium. Doch wenn Comelade zum Abschluss ‚Com Un Rossinyol Amb Mal De Queixal' anstimmt, bleibt kein Zweifel, er ist der schönheitstrunkene melancholische Clown eines verschwundenenen Zirkus. Er hält die Erinnerung, vielleicht sogar eine Sehnsucht wach an die großen Mermaids-After-Midnight-Orchester der 50er und 60er, als deren verfluchter Sohn er sich sieht, marginalisiert und deplaziert. Seit es das Penguin Cafe Orchestra nicht mehr gibt, ist er allein, um sich herum spürt er Schwund und Stagnation. Stagnation schafft Langeweile, Langeweile macht traurig, Ignoranz macht traurig. Comelade ist der Ritter der traurigen Gestalt, der seine Lanze in den Dienst jener Musen stellt, deren Küsse einst zu Rock'n'Roll und Comics inspirierten. Von dieser Hochblüte ist nur ein welker Duft geblieben. Ist Comelade ein Nostalgiker? Die Symptome ähneln denen von Cor Gout, der mit Muziek in zwart-wit ein ganzes Buch über ‚amusementmuzikanten' und ‚dansorkesten' geschrieben hat. Es gibt da eine tiefe Sehnsucht in uns, die durch Hungerkunst und Langeweile nicht zu stillen ist.

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rbd / bad alchemy



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