Copernicus "disappearance" (Nevermore/MoonJune, VÖ: 21.07.2009)

Mit grottentiefer Raucherstimme beginnt der Poet sein jüngstes Werk. Wie ein Tom Waits der avantgardistischen Rockmusik. Dreckiger singt er, böser, radikaler, weniger marktkompatibel. Und seine Stimme ist der Hit der Platte. Was sich als Musik, spontan entstandener Sound diverser Musiker an Rockinstrumentarium, inspiriert von der Stimme und ihren Texten, um die Stimme rankt, ist eher zweitrangig, hat psychedelisches Flair - wenn man so will. Die Musik ist eigentlich unbeschreiblich. Wabernd schwellen die Sounds durch die überwiegend langen Songs: akustische Gitarren und elektrische, Violine, Steelgitarre, Tenorsaxophon, Posaunen, Perkussion, Schlagzeug: irgendwie ob seiner wirren und wenig greifbaren Struktur selbstbewusst und zaghaft zugleich. Nichts geht über diese Stimme.
Copernicus, der die Texte geschrieben hat, wie die seiner diversen Vorgängeralben, singt nicht. Er spielt Keyboards und er spricht. Manchmal geht sein Vortrag in einen seltsamen Singsang über, wenn die instrumentale Begleitung dann doch einmal eine gewisse Struktur gefunden hat und sich in nachvollziehbarer, aber seelenlos unbedeutender Popdämmerung ergeht. Dann kommt ein Schwingen in seine Stimme, die vorher nur emotional aufgefahren war, die Texte wie ein anklagender Redner, ein religiöser, mit Pathos und lyrischer Aufgebrachtheit zu intonieren. Hingerissen vom eigenen Wort, der Stimmung der Musik und dem Gedanken, dass dies ja eine neue Platte werden soll.
Alle fangen sie ruhig an. Am Grunde des textlichen Inhalts. Und dann reißt der Strudel mit. Also worum geht es? Überschriften: Menschlichkeit, Gott, Unabhängigkeit, Vorsicht vor Regierungen und Religionen, Politikern und Predigern, um das Quark Gluon Plasma, das Gehirn in seiner Substanz, das Universum, New Orleans und den blöden Menschen, Revolution und viel mehr. Es geht um die richtige Denke in der heutigen Zeit, Copernicus' richtige Denke, die nichtenglischsprachigen Konsumenten seiner Kunst nicht ohne weiteres eingehen wird, verstanden wird.
Am Besten sind die Songs, die in ihrer Erregung jazzfreakige Abgefahrenheit entwickeln, das passiert hier und dort, am wirkungsvollsten im vierten Track, "Humanity created the illusion of itself", was schon mal als Titel witzig ist.
Die grandiose Stimme und ihr hinreißender Vortrag machen die Platte aus. Die Musik weitaus weniger. Es bedarf entweder einer gewissen Vorliebe für avantgardistisch freakige Musik, die nicht progressiv und komplex ist, sondern verrückt wie Free Jazz, doch längst nicht so laut und ohrenbetäubend. Nicht leicht, sich dem Gesamtsound hinzugeben. Die Texte zu studieren und das über 77 Minuten lange Album mit Lust zu erfassen. Nix für Weicheier wie VM. Da mache ich Schluss.
Allem Anschein nach sind die alten Alben des Poeten als CD-Veröffentlichung geplant, wenn ich das richtig verstanden habe, bei Moonjune.

copernicusonline.net
moonjune.com
VM



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