Copernicus "Nothing Exists" (Nevermore Inc./Moonjune Records 2010)

"Nothing Exists" ist das Debütalbum des Gesangsperformers Copernicus. 1984 kam seine Band - im Booklet ist die Geschichte ausführlich nachzulesen - nach und nach zusammen. Die LP wurde noch im gleichen Jahr veröffentlicht, die jetzige CD-Veröffentlichung ist die erste überhaupt. Die Aufnahmen sind digital remastert, mit umfangreichem Booklet samt allen Texten ausgestattet, Bonustracks sind nicht vorhanden.
Neben Copernicus, der die Texte geschrieben hatte, sie sang - performte, vortrug, in seinem eigenen unglaublich dynamischen bis aggressiven Stil präsentierte - gehörten Pierce Turner (key, voc), der als musikalischer Direktor die Bandarrangements schrieb und die Band leitete, Larry Kirwan (g, key, voc), Thomas Hamlin (dr), Chris Katris (g), Jeffrey Lad (fl, key, effects), Peter Collins (b), Steve Menasche (mar, perc) und weitere partiell aktive Musiker zur Band. 26 Jahre, nachdem die Songs in New York aufgenommen worden waren, ist die pure Energie der Songs noch hautnah spürbar. Stilistisch ist die Musik von verschiedenen Einflüssen geprägt. Avantrock im Captain Beefheart Stil trifft auf jazzige Facetten, dezente Komplexität mischt sich mit flächendeckenden monoton-minimalistischen Arrangements, schräge Harmonien, düstere Rhythmusmonotonie, vitale Energiebrüche, kratzige Punk-Noise-Kunstszene-Klänge treffen auf Songwriter-Strukturen. Copernicus selbst wirkt wie der Person gewordene Wahnsinn, sein Sanges- beziehungsweise Sprechgesangstil, seine Ausbrüche und fatalistischen Schreiattacken, wie gehaucht, verloren, ausgeliefert an seine Performance und den Inhalt seiner wütenden, düsteren, kritischen, künstlerischen Texte, zeichnen einen süchtigen Künstler mit großer Persönlichkeit und einiger Schieflage zu dem, was sonst so énormal' genannt wird. Hier ist sein Ausdruckswille so frei und stark, dass der Eindruck, wenn die Musik auch abstoßend wirken sollte, gewiss nicht leer bleibt. Und doch ist nicht nur Neugierde, was zuhören macht. Da sind zudem ein gewisser Widerwillen, ein gewisser Abscheu, diesem Sprechgesang zuzuhören. Die Performance ist faszinierend in ihrer Kraft und verstörend in ihrer baren Existenz.
Musikalisch ist die Band wenig mehr als Begleiterscheinung, wenn es hier und da auch raffinierte Ideelösungen und aufkochende Arrangements gibt, so ist doch alles fixiert und fest getackert auf diesen Mann und seine Stimme, seinen Gesang, seine Erscheinung und düstere Ausstrahlung. Die Texte kommentiere ich hier nicht. Sie sind im Booklet nachzulesen, das Nebenbeilesen zum Gesang macht schon ziemlich irre. Und längst nicht alles verstehe ich, wie es örtlich, situativ, politisch, sozial, künstlerisch, existentiell, zeitgeistig gemeint und gegen den Zeitgeist kreiert worden ist. Der Mann ist ein exzellenter Künstler mit einem ungemeinen Druck und verwirrender Versunkenheit in seine Kunst, seine Texte.
Die Band hat meine Hochachtung, weil sie daneben so schier verschwindet und dennoch unglaublich intensiv gearbeitet hat. Ohne die Stimme wäre die Musik hingegen leer, und bedeutungslos.

copernicusonline.net
moonjune.com
VM



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