Dieter Bihlmaier Selection "The SWF-Session 1973" (Long Hair Music 2009)

1972 gründeten Flötist Dieter Bihlmaier, Schlagzeuger Gerhart Ziegler und Bassist Harry Rettenbacher die Dieter Bihlmaier Selection. Im Jahr darauf ging Rettenbacher wieder, Jan Jankeje kam als Ersatz. Mit Gerhard Dietz (vib) spielte die Selection 1974 "Maskerade" ein, 1976 ohne Jankeje, dafür mit Wolfgang Lauer (b) und Wolfgang Lackerschmidt (vib) "Manipulsation". Später, ab 1978, gehörten neben Bihlmaier und Ziegler Michael Pilz (b-cl) und Buschi Niebergall (b) zur Band, für Pilz kam dann Heinz Sauer (sax). Dieter Bihlmaier spielte mit Wolfgang Lauer (b) 1980 und 1981 im Duo, bis zu seinem frühen Tod im Februar 1981. Im Booklet zur CD ist der Werdegang der Band sowie der einzelnen, an der Einspielung dieser vorliegenden Aufnahme beteiligten Musiker nachzulesen.
Die 8 Songs auf der vorliegenden CD sind vor den Aufnahmen zur ersten LP entstanden. In der Triobesetzung Bihlmaier, Jankeje und Ziegler am 21.12.1973 im SWF Studio U1 in Baden-Baden eingespielt. Noch ohne Vibraphonist Dietz, ist ein entzügeltes Trio zu hören, das mit enormer Energie und radikalem Virtuositätsfaktor an seine Sache geht.
Forsch geht es los und kaum ist das Trio zu stoppen. Ob Bihlmaiers melodisch abstraktes, dabei technisch das Instrument schwer forderndes und doch klassische Technik erkennen lassendes schweres, scharfes Blasen, das der Flöte überschreiende, kratzige Töne entlockt, zugleich kann der Flötist in aller improvisativen Versunkenheit auch melancholische Lyrik und harmonische Sanftheit intonieren, Jankejes eruptive Agogik-Sprünge und zart dunkle Patina-Sequenzen oder Zieglers komplexes, synkopisch vertracktes Spiel, das er mit nur einem Arm spielen konnte, was das ultraschnelle Spiel kaum glauben lassen mag - das verinnerlichte Trio bewegt sich ungebremst zwischen rasantem Free Jazz, der verspielte Improvisationen in räumlich ästhetischen Disharmonien ausreizt, und verinnerlichter Lyrik, die dunkle Klänge aufmacht, oder filmmusikartige Passagen offenbart, und aus der die Selection plötzlich wild auffahren kann, das Songmotiv aufnehmend und es in eine andere Motivlage verschiebend.
Die 7 instrumentalen Songs sind gewiss nicht nur für Jazz- oder Free Jazz Fans interessant, die instrumentale Klangästhetik und das Spiel des Trios hat Parallelen zum Avantgarde Rock und zum frühen Jazzrock, der bisweilen derart heftige Rasanz entwickeln konnte. Der Klang ist hervorragend, die CD ein rares, radikales Stück energischer, harter Jazzhistorie.
Tipp!

longhairmusic.de
VM





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