Marcos Fernandes & Mike Pride "a mountain is a mammal" (Accretions Records 2007)

Marcos Fernandes, Mitglied des losen Trummerflora Collective, und Mike Pride sind Perkussionisten. Die drei Tracks auf "a mountain is a mammal" wurden am 5. November 2005 in den Funhouse Studios in Brooklyn, New York, eingespielt. Neben perkussiven Klängen bringt das Free Improv Duo Phonographics und Electronics in das intuitiv improvisierte Klanggeschehen ein. Das 6-minütige erste Stück führt zage und leicht in die melodisch abstrakte Klanglandschaft. Doch auch hier schon sind die zu hörenden Klänge nicht leicht einzelnen Instrumenten zuzuordnen. Fernandes und Pride haben kein Interesse daran, populärer Musik neue Impulse zu geben. Die bereits vielfach und in etlichen Kollaborationen aktiv gewordenen Musiker sind neugierig auf ungewohnte Sounds und freie Strukturen, die ebenso herausfordern wie unterhalten. Einzelne Töne bekommen Gewicht, der Gemeinklang an sich ohne melodisch-harmonische Struktur, frei jeder Form, jedes Stils, jeder Enge, entfaltet sich mit dem momentanen Klanggefühl der beiden Musiker. Das ist kein kopflastiges Geschehen, sondern witziges, freies und neugieriges Arbeiten - und Hören. Wer freies Spiel nicht gewohnt ist, kann gelangweilt oder überfordert sein, doch wer sich mit offenen Sinnen diesem "Hörspiel" öffnet, kann eine Welt entdecken, die ungemein mehr Eindruck und, ja, Unterhaltung bietet, als die nächst beste Popcombo.
Track 2 heißt "a little more dangerous". Die Perkussionisten spielen sich in den 27 Minuten frei, ohne ihr Spiel in gewaltigen Soundkaskaden aufgehen zu lassen. Hier und dort tun sich jazzbetonte Rhythmusmotive auf, hin und wieder geraten die beiden Schlagwerker fast in Ekstase, wenn ihr gemeinsames Spiel wie einst bei Max Roach in krachender Virtuosität aufgeht.
Free Improv heißt nicht, irgendetwas zu Klang zu bringen. Und es heißt nicht, kein Instrument in seiner herkömmlichen Weise bedienen zu können. Technische Höchstleistung ist Voraussetzung, sein Handwerkzeug, das Schlagzeug, bis in die Einzelteile verstehen und nutzen zu können. Punk Rock ist (neben weiterem Schrott) die debile Seite populärer Musik. Free Improv ist in seiner spielerischen Virtuosität, intuitiven Tiefe und technischen Abstraktion das andere Ende der langen Kette (in deren Mitte Massen an überflüssigen und nutzlosen Gliedern stecken) - und doch gibt es Ansatzpunkte. Mike Pride hat bereits in der Punkrock-Legende Millions of Dead Cops musiziert (und einer ganzen Palette an Jazzmusikern sein Handwerk geliehen). "a mountain is a mammal" jedoch hat mit Punk und sonstiger festgelegter Musik nichts zu tun. Im dritten Track "is anything more than everything" kommen die Electronics und Phonographics ins Spiel. Über sieben Minuten sind Puten, Windgeräusche, rhythmische Skizzen, verfremdete Stimmen und das alles verbindend elektronische Sounds zu hören. Ein rundes Bild, das am leichtesten der drei Parts sich aufschließt, vielleicht, weil es am abwechslungsreichsten ist und mit dem Schrei der Pute, schrägen Stimmlauten und elektronischen Brummklängen überraschend witzig unterhält. Wer keine Lust hat, sich überraschen zu lassen, darf auch weiterhin "If You Leave Me Now" von Chicago hören…

marcosfernandes.com
mikepride.com
accretions.com
VM



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