Finnegans Wake "4th" (Carbon 7 Records 2005)

Finnegans Wake ist das Projekt des belgischen Komponisten Henry KRUTZEN (key, sax, ken). Wie der Titel schon sagt, ist das neue Album Nummer 4 unter dem Namen Finnegans Wake. Die Vorgänger waren zwischen 1994 und 2001 bei Mellow und Musea Records veröffentlicht worden. Nun ist die Band bei Carbon 7 unter Vertrag und hat in dem avantgardistisch orientierten Label wohl den perfekt passenden Partner gefunden.
Vor einigen Jahren ging Henry Krutzen nach Brasilien, dort hat er neue Musiker gefunden, mit denen er die 13 Songs der 2CD eingespielt hat. Mit Brasilien verbindet man im Allgemeinen zumeist Samba, doch das ist hier, trotz der Großzahl brasilianischer Musiker überhaupt nicht zu hören. Finnegans Wake verbinden moderne Klassik (oder besser Neue Musik) mit komplexem Rock. Das hat in Belgien Tradition. Bands wie Univers Zero, Present oder auch X-Legged Sally und Flat Earth Society haben es mit "Chamber Rock" in stilistisch deutlich unterschiedlichem Ansatz zu erfolgreichen, grandiosen Alben gebracht. Finnegans Wake schließen sich hier auf eigene Weise an und verknüpfen Neue Musik mit komplexem Avantgarde Rock zu Chamber Rock, der jedoch mit genannten Bands nicht viele Parallelen hat.
Neben Krutzen gehören Alain LEMAÎTRE (b), Alexandre MOURA-BARROS (g) und Richard REDCROSSED (voc) zur Band. "4th" wurde mit etlichen talentierten Gastmusikern eingespielt: Enéas ALBUQUERQUE (cl), Wilberto AMARAL (dr), Jean-Louis AUCREMANNE (key), Gilberto CABRAL (tb), Alexandre CASADO (vi), Erinaldo DANTAS (tr), Jubileu FILHO (g), Julian FIGUEROA (fg), Faisal HUSSEIN (ce), Alexandre JOHNSON (fl), João JOHNSON (ob, eng-h), Jorge LIMA (dr, perc), Alzeny NETO (voc), Eduardo PINHEIRO (g) und Eduardo TAUFIC (org, p) gehören zum großen Ensemble, das nicht stets in jedem Song, sondern partiell beteiligt ist. Gitarrist Alexandre Moura-Barros hat sich auch kompositorisch eingebracht, so sind südamerikanische klassische Strukturen auszumachen. Erstaunlich, denn Moura-Barros ist ein Rockgeprägter Gitarrist, der jedoch beeindruckende eigenwillige kompositorische Spuren hinterlässt. Die größtenteils instrumentale Musik funktioniert wie ein Magnet. Neue Musik und erstaunlich harter, kraftvoller und erdiger Rock verhalten sich mal in Zwiesprache, mal gegensätzlich zueinander. Das stete Ineinander und Gegeneinander des melodischen Spiels ist äußerst reizend und von bisweilen bissiger Disharmonie. Stets entwirft das große Ensemble einen erhabenen, eleganten Ton, der schon mal tiefe Düsternis, aber auch kraftvolle, forsche Direktheit vermittelt. Mal gewinnen die klassischen Instrumente das Terrain, dann wieder erobern die elektrischen Rockinstrumente den Raum, mal fließen die Strukturen beider Klangkörper ineinander, dann stoßen sie sich geradezu ab. Das klingt nicht anstrengend und nicht angestrengt, sondern hat Klugheit, Schönheit und Witz und zeigt die Band in großer Spielfreude.
Finnegans Wake sind längst nicht so abgrundtief düster wie Univers Zero, das Ensemble ist nicht so kurzweilig und komisch wie X-Legged Sally, und das wird der Band wohl Publikum kosten. Die Kompositionen sind nicht leichtfüßig oder höreinfach, sondern von gewisser Strenge; loser, zerfahrener und ungebündelter Struktur und hoher arrangementtechnischer Komplexität. Die einen werden negativ kopflastig meinen, während die anderen positiv von tiefsinnig sprechen. Das psychologisch schwere, aber fabelhafte Verhältnis der Klangkörper zueinander findet hier starken Ausdruck. Einzig das letzte Stück "Bon Voyage" mit seiner seltsam poppigen, in das Konzept unpassenden Struktur wirkt überflüssig und störend.
Das Album ist vor allem den neugierigen Freaks zu empfehlen, die ein "schräges" Gefüge aus neuer Klassik und Avantrock bevorzugen. Ganz persönlich für mich ist die auch optisch sehr schöne Produktion ein Meilenstein.

carbon-7.com
VM



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