Fire! With Jim O'Rourke "Unreleased?" (rune grammofon, 08.07.2011)

Wenn Kreativität (=Musik) Ausdruck künstlerischer Fähigkeit ist, die aus Wahnsinn & Genie Inspiration, zumindest Unterstützung erfährt, dann tendieren Fire! eindeutig zum Wahnsinn. Die 4 langnamigen Monotonie-Exempel auf "Unreleased?", mit passendem Gastwahnsinnigen Jim O'Rourke (Sonic Youth, Gastr Del Sol) eingespielt, sind hypnotisierende Wälzer, skandinavischer Ambient-Dröhn-Jazz, folkig, verspielt, experimentell, psychedelisch, minimalistisch, radikal und extrem.
Was Johan Berthling (b) und Andreas Werliin (dr, perc) an der Basis vielschichtig und vibrationsreich auf Level halten, ist längst nicht vergleichbar. Kein Jazz, kein Rock, kein Prog, mit gewisser Tendenz zu King Crimsons "Islands" - wie die gesamte Platte.
Jim O'Rourke arbeitet mit Synthesizer, Harmonika und elektrischer Gitarre den harmonischen Raum aus, schwelgt in opulenten Tönen, die doch zart und lyrisch sind, und auf denen das Zentrum des Albums: Mats Gustafssons Baritonsaxophonspiel mit unerbittlicher Energie Hof hält. Nebenbei bastelt Gustafsson noch am Fender Rhodes und fügt ‚live electronics' bei, die dem Schwellsound einmal mehr Fülle und Druck geben.
Die Symphonie der Düsternis ist kalt wie Kellerfundament und romantisch wie die Lebensfreundlichkeit nordschwedischen Urwalds. Und als führe ein Schienenfahrzeug endlose Schienenkilometer dahin, so dröhnen die Songs in ihre Minuten. Kaum absehbar, wann der nächste Höcker kommt, die nächste Kurve, doch soweit unveränderlich, als die Strecke lang ist. Der Rhythmus der zweiten Nummer hat diesen Klang: das Gleiten von Schiene zu Schiene, und die Anstoßstellen der Schienen geben den Takt vor. Dazu quietschen die Felgen und Bremsen, knacken die Balken im Schienenfundament, schleift der Wind sich am Äußeren des Zuges ab. Stoisch geht es voran, und nichts bleibt gleich.
Das dritte Stück ist eine kurze Etappe, lausige drei Minuten lang. Kohle wird aufgeschüttet, Wasser getankt, der Heizer raucht, die Wildnis schweigt. Dann geht's weiter.
Die letzte Etappe braucht die meisten Nerven. Nach 11, 9 und 3 Minuten laufen jetzt 17 an. Die Materialien sammeln sich, die Maschine findet ihren Takt, der Ofen brennt und die Geräusche fahren hoch.
Bombastdröhnen rattert auf hohem Niveau, als gelte es, vollen Raum zu verschieben, schwere Lasten zu transportieren, alles laut und kalt, Technik und Wildnis, Brutalität und Feingefühl.
DoomJazz FreeCore.
Keine Songs, ganz Klangrausch. Spielt das eurer Freundin vor und nehmt Abschied vom Leben.

runegrammofon.com
earthwindand.com
VM





Zurück