Flat Earth Society "Psychoscout" (Bonk/Crammed Discs 2006)

Die belgische Truppe Flat Earth Society, zum Ende der 1990er aus der phönixischen Asche der grandiosen Neumusiker X Legged Sally entstanden, ist ein unvergleichliches Musikerensemble. Pierre Vervloesem, einst bei XLS Gitarrist, der ausgestiegen war, weil er keine Lust mehr auf die "Bläserphantasien" seines Kumpels und Mittäters, des Klarinettisten Peter Vermeersch hatte, mit dem er XLS über grandiose Alben geführt hatte, kann als die belgische Krone der Musikproduktion gelten, unter seinen Fingern sind diverse Bands entstanden, so unter anderem dEUS, die auch schon wieder zum erfolgreichen Mainstream geflattert sind. Aber so ganz und gar kein Mainstream sind Flat Earth Society, kurz FES, deren neues Werk "Psychoscout" ebenfalls durch Vervloesems Producer-, Mixer- und Master-Finger geglitten ist.
Peter Vermeersch gründete Flat Earth Society nach dem Aus von "A Group" (findet da mal CDs bei Ebay Belgien!!!), das als kurzes Nachfolgeprojekt von XLS in der zweiten Hälfte der Neunziger das "Popprojekt" von Vermeersch und Vervloesem sein sollte und unter dessen Namen 2 CDs und 1 Single veröffentlicht wurden ("Vol. 1" 1998 mit kuriosen und erheblich schnörkelreichen Eigenkompositionen und einigen durchgeknallten Covertracks; "Vol. 3" 1999, das komplett nur bekannte Songs coverte und aus den "normalen" Songs herrlich schrullige Zauberstückchen machte, etwa die Mexiko-Version von Peter Gabriels "The Rhythm of the Heat" - Herzkranke vergessen dabei ihre Herzkrankheit…).
Wie XLS wurde auch FES als Begleitband für Theaterstücke engagiert, beide Bands haben CDs mit den Stücken veröffentlicht. Die interessanteren Werke beider Bands sind jedoch die komplett auf eigener Intention fußenden CDs, XLS haben 6 unerlässliche CDs veröffentlicht, die leider so gut wie gar nicht und nur mit sehr viel Geduld und Geld second hand zu bekommen sind. FES haben, neben den Theaterprojekten wie "Larf" mindestens drei überaus grandiose CDs eingespielt: "Bonk" (2000), "ISMS" (2004) und kürzlich "Psychoscout" (2006), zu letzterer CD war die Band anlässlich der Berliner Jazztage in, ja, Berlin live zu erleben. Die, mit Verlaub, saugeile Performance fand vor halbleerem Saal statt, was an der Unkenntnis der potentiellen Fans und sicher auch an der allgemein ungebildeten Presse liegt, die Schlager kürt und Avantgarde scheut.
Na ja, Avantgarde machen Flat Earth Society nicht, aber Extravaganz. Die große Truppe mit mindestens 13 Musikern, davon das Gros Bläser, dazu Piano und Keyboard, Vibraphon, Schlagzeug und Bass, spielt so etwas wie europäischen Jazz/Rock. Stilistisch kann da alles stattfinden, was kurzweilig und hölleheiß ist. In den Songs steckt jede Menge Humor, donnernder Rock, Jazz von Swing über Dixie bis Avantgarde, europäischer Folk, Zigeunermusik, Big Band Sound, 20er Jahre Tanzmusik im extra scharfen Stil - und die besondere Vorliebe für krasse, abgefahrene, wunderbar schräge Arrangements, die süffig und virtuos sind und wie ein Bienenschwarm ausfliegen, einkehren, in steter Bewegung mit erheblicher Rasanz, Tiefenschärfe und einem guten, dicken, runden Teil Humor (um es ganz genau zu sagen…).
Die fast komplett instrumentale Arbeit ist herzzerreißend wohl gelungen, neben Bläsersoli aller möglichen Blechblasinstrumente kann das Keyboard unter anderem schon mal billigste Sounds vor sich hin quietschen, als spiele ein Kind im Sandkasten, vertieft, beschäftigt und verinnerlicht. Die große Truppe setzt wie in der Big Band, aber doch eben anders, zum gemeinsamen Akzentuieren der Songmotive darüber an und klingt dabei wie ein 50er Jahre Traktor, unkaputtbar und mit diesem ganz besonderen Motorsound, den man nicht vergessen kann und immer wieder mal hören muss.
"Psychoscout" muss nicht auf die Couch, die Musik ist kerngesund und quietschvergnügt, macht ungemein Laune und unterhält kurzweilig mit, um es nur kurz zu erwähnen, erheblich komplexer Struktur. Was gibt's da noch zu sagen: vergesst die Dingsdas, die ihr auf eure Einkaufsliste gesetzt habt und holt euch DIE gute Laune ins Wohnzimmer, setzt euch in den wohltemperierten Wohnzimmersessel, macht das Licht aus und die Musik nicht leise an. Dann kann eigentlich nichts mehr schief gehen…

fes.be
VM



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