Freakshow Artrock Festival 29.07. und 30.07.2006 im Biergarten akw! in der Frankfurter Straße 81 in Würzburg

Obelix liebt Rock'n'Roll

Eine der bedeutendsten kulturellen Erfindungen der menschlichen Zivilisation ist der Wohnzimmersessel. Weich und fest zugleich, nimmt er uns leidende Wesen auf, gibt uns den lässigsten und bequemsten Halt, darin allerlei Dinge zu genießen. Etwa blutrünstige Krimis im TV, ein ernstes Gespräch mit dem Partner über die Anschaffung neuer Küchenhandtücher, mit einem Freund über Züchtung und Pflege weißer Gartenrosen, eine DVD der geliebten Prog-Band mit 1.000 Kameras aus allen Winkeln aufgenommen, megatoll abgemixt, mit Bonusmaterial und perfektem Live-Sound von ganz nah dran, einen trockenen Roten aus dem französischen Süden, ein verflixt spannendes Buch von Mo Haider beziehungsweise Fjodor Dostojewski oder die neue Panzerballett-CD. Vorausgesetzt natürlich, der Wohnzimmersessel ist gut ausgesucht, steht an der richtigen, wohltemperierten Stelle und es gibt abgesehen vom gewählten Klang sonst nur die perfekte Stille. (Auf Lichtverhältnisse will ich jetzt nicht näher eingehen, auch nicht auf die Materialien, aus denen der Fußboden unter dem Wohnzimmersessel bereitet ist. Das müsst ihr halt selbst übernehmen.)
Eine andere kulturelle Erfindung der menschlichen Zivilisation ist die Biertischgarnitur. Hart, aber herzlich, zumeist mitten unter Leuten, die man gar nicht sehen oder sprechen will, die jedoch auch an dem Ort ausharren, den man gewählt hat.
Vielleicht bleiben deshalb so viele Fans zu Hause. Dort, wo sie wohl gepflegt und gehegt sind, mal auf den Pausenknopf drücken oder die CD genervt aus dem Player nehmen können, wo sie laut furzen dürfen oder ihren Partner ungestört zu allerlei sexuellem Vergnügen animieren, ohne dass die Meute weiterer Typen, die den gleichen musikalischen Geschmack teilt, viel Bier trinkt, stinkende Zigarren raucht oder einem ein Loch in den Bauch quatscht, dabei ist. Festivals und Konzerte sind eine Plage, wohl wahr!
Oder?!?
So zwischen 50 und 80 Hanseln versammelten sich auf dem gemütlichen Hof des akw! in Würzburg, schafften es ganz allein, die Küche des Ladens vor Ende des Festivals leer zu fressen und amüsierten sich bei szenetypischer CD-Schau, wortreichen Musikgespräch-Gefechten und allerlei anderem Zeug, was im Wohnzimmersessel eher weniger passiert, wie Biergläser auskippen, Rülpsen und Lachen, Schreien, Pfeifen, Applaudieren bis die Hände schmerzen und den ganzen Spaß haben.
Gab ja auch Anlass.
Charly "Rock'n'Roll" Heidenreich hatte ein illustres Programm aufgestellt, die Progheads deutscher Lande mit einer neuen Runde "Freakshow Artrock Festival" zu sammeln und wohl zu unterhalten. Aber da hat er mit dem Stursinn des Publikums nicht gerechnet und vermutlich die nicht nur proggige Vorliebe für den schönen, bequemen (vielleicht gelben? Ist modern!, meint die Hausdame mit frisch gestärkter Bluse) Wohnzimmersessel vollkommen unterschätzt! Komisch, wo er doch sonst an alles denkt - und schon mal mitten im Konzert in ein 35 Kilometer entferntes Nest fährt, um ein Schlagzeug und einen Bass einzusacken - damit die Chose weiter gehen kann.
Später lief er mit Bass im Koffer auf dem Rücken wie Obelix mit Hinkelstein vor der Bühne rum. Man könnte glatt auf die Idee kommen, dass die Sache mit dem geliebten Wohnzimmersessel nicht das Wahre ist und die Biergartengarnitur nicht wenig Unterhaltung und Freude ins traurige Jobleben bringen könnte…
Mhm!
Discus und Guapo waren nicht angereist, erstere wegen Visaproblemen, zweitere - waren auch nicht da. Dafür standen als Ersatz Nebelnest bereit.
Ging auch.
Samstag am frühen Nachmittag lieferten Counterworld Experience als Opener ein technisches Feuerwerk ab, spielten ihren Frickel-Mix aus Math Rock, Jazz, Metal und Neoprog, dass die Ohren und Sinne der Gäste ganz von allein aufwachten und Anteil nahmen. Danach kamen Liquid Scarlet auf die Bühne, die im Vorjahr schon dort gestanden hatten und unterhielten mit cleverem Symphonic Sound der skandinavischen Natur. Von schwelgerischem Bombast über zarte Popelegien bis zu hartem Düsterrock war allerhand Unterhaltsames dabei. Lustiger Weise konnte man im Laufe des Konzertes diverse Einflüsse erkennen: das ging von Hinn Íslenzki þursaflokkur über UK und Grobschnitt zu Acid Jazz, mal symphonisch episch, mal düster-dramatisch, dann wieder soft & lazy. Die Jungs sind im zarten Jünglingsalter und in den weißen Hosen waren sie irgendwie ganz neckisch und niedlich anzuschauen.
Nebelnest hingegen wirkten düster und unnahbar. Lag das am Napalm Death T-Shirt? An den Metallstacheln im Gesicht des Schlagzeugers? Musikalisch waren sie eindrucksvoll. Nebelnest sind die musikalischen Kinder von Christian Vander und Robert Fripp. Der Keyboardsound war sehr laut, überschrie sich erst und wurde besser. Das melodische Keyboardspiel ist nicht besonders abstrakt, aber doch passabel. Die Gitarre war viel zu leise und konnte nur mit wenigen Soli überzeugen.
Schade darum.
Bass und Schlagzeug jedoch waren der Hammer. Der Bassist stand wie angewurzelt fest und brachte fett-brachiale Figuren, während der Drummer mörderisch trommelte. Nach dem ersten Song riss er sich das Shirt vom Leib (worauf wir alle lechzend gewartet hatten…). Der Schweiß lief ihm übers Gesicht und in einem Track konnte er kaum noch spielen, weil er nichts mehr sah und die Augen voll brennenden Schweißes hatte. Dennoch hielt ihn das nicht zurück, gemeingefährlich und wüst zu spielen und sich voll ins Zeug zu legen. Fabelhaft! Nach einem Magma-Cover und der Zugabe (die jede Band gab - wenn ich mich recht erinnere) war der Konzertabend beendet, die Damen puderten sich die Nase, man griff zum Sekt und hielt angeregte Gespräche im Foyer… ähm, so ähnlich. Die Party danach war schier endlos. Mancher schlief direkt vor der Bühne, als bissiger Wachschutz gegen Diebsgesindel und böses Volk.
Sonntag, nicht lange nach 13 Uhr startete Day Two. Charly Heidenreich in der obligatorischen längs Blau-Weiß gestreiften Latzhose stiefelte auf die Bühne, begrüßte das Hörvolk und meinte (nicht zum ersten und letzten Mal während des Festivals) dass er wohl kein weiteres Freakshow Artrock Festival mehr veranstalten könne, wenn so wenige sich aus den gemütlichen Wohnzimmersesseln schälten und sich nach Mekka, ähm, Würzburg begäben, um den Klängen nicht auf DVD, sondern ganz live, hautnah und im Angesicht des Schweißes der Musiker mit Erregung und ohriger Freude zu begegnen.
Panzerballett und der Abkrassfaktor.
Weniger ist weniger und mehr ist mehr.
Die Band spielt hektisch-technischen, schön harten und aufgeweckten, leidenschaftlichen Jazzrock mit metallischer Nähe und einem Schlagzeuger, der ein paar Tage vor dem Gig die Noten durchgelesen und die ultrakomplexen Rhythmen just erst eingeübt hatte. Er spielte nach Noten und ein leichter Windhauch, der zart über das Festival strich, um die anwesenden Personen ein wenig zu kühlen und zu erfrischen (was nötig war, der Planet brannte!), fächerte ihm die Blätter auf. So hatte er mit einer Hand die Papiere im Zaum zu halten, während er mit dem dreiviertel Rest der Extremitäten die sichtbar anstrengenden Figuren federleicht und exakt akkurat zu geben wusste.
War überzeugend!
Auch der Rest der Band war gut drauf. Chefkomponist und Gitarrist Jan Zehrfeld hielt zwischen den Tracks so manchen Monolog, dass man meinen könnte, gleich verlöre er den Faden, um aber stets am Ball zu bleiben und das Volk wohl zu unterhalten. Jetzt wissen wir, wo die Band herkommt, wo sie wohnt, was sie macht und welche Schuhgröße sie so im Einzelnen hat, bis auf ihn, darüber sprach er irgendwie nicht. Bis auf seine Arbeit über Meshuggah, die er schließlich, vom Publikum angeregt, zur Lektüre anbot. Wer seine Email-Adresse auf einem extra dafür bereit gelegten Papier vermerkte und ein Kreuzchen an der richtigen Stelle anfügte, bekam tatsächlich einige Tage später seine Diplomarbeit mit dem Titel: Analyse und Darstellung der stilistischen Entwicklung der schwedischen Heavy-Metal-Band Meshuggah, die Jan Zehrfeld an der Hochschule für Musik Nürnberg-Augsburg vorgelegt hatte. [Doch, hat er gut gemacht, die Arbeit.]
Die Band spielte notenintensive, virtuose Stücke, die sie mit ihrem ganz persönlichen, erhöhten Abkrassfaktor ausgestattet hatte, was sich in wundersam technisch-verfrickelten Komplexorgien eindrücklich zeigte.
Auch Henry Mancini ist ein Progressive Rocker! Das Publikum liebte sie und schrie: komplexer!
Die Band dankte es erfreut, ansonsten heiße es, so Jan Zehrfeld, was das technische Zeug bloß solle. Hier hatte die Band das richtige Publikum und das Publikum die richtige Band.
Octafish sind ganz anders im Jazzrock unterwegs. Da gibt es bergeweise Disharmonien und instrumentale Auseinandersetzungen in der Band, die von grandios-witziger Struktur sind. Hoch kompliziert und kopflastig; die Einen waren begeistert, die anderen gelangweilt. 3 wurden vom Blitz erschlagen, die neue CD ist noch nicht draußen, es gab kein Essen mehr, die Sonne schien, die Kinder machten Fotos, in Darfur im Westen des Sudan werden im ungenannten Namen der Regierung hunderttausende Menschen bestialisch vergewaltigt und schrecklich ermordet, Russland verbiegt seine Pressefreiheit; nicht alles auf der Welt ist in Ordnung. Und trotz schrecklicher Dinge gibt es Künstler, die erregende Kunst machen können, um einiges glücklicherweise in Frieden lebende Volk auf hohem Niveau zu unterhalten. Und 3 wurden vom Blitz erschlagen.
Jeavestone nannten sich später auf der Bühne um, gaben sich den Namen Finnbone Ash. Die akustischen Stücke schrumpften zu einem witzigen Dilemma zusammen, das die Band todernst humorig und, typisch Finnen, mit einem abgekrassten Säuferlied ausklingen ließ. Danach wurden wieder Double-Leads umgeschnallt.
Die Band hat gerade ihre erste CD herausgebracht, 1971 eingespielt, etwa 15 Jahre vor der Geburt des Ältesten der Truppe. Früh-Heavyrock mit dem fleischlichen Skandinavien-Faktor. Das hört sich wie das Gefühl an, morgens von zwei zarten 18-jährigen Schönheiten wach gekitzelt zu werden, denen man das Frühstück von der Haut schlecken muss (ähm, Pardon! - war nur so 'ne Idee, Sorry…, verdammt!) Nix zu heftig progressiv, der Kopf konnte mal pausieren. Das war Musik für den Bauch, schön fett und hart, mit einem Nummerngirl am Keyboard, einem ganz Langen an der einen Gitarre, einem Kurzen am Bass, dem Senatsältesten an der Stimme und zweiten Gitarre, und einem tiefer gelegten Schlagzeug mit blondem Mini-Zopf. Rock'n'Roll halt. Im Fellmantel, barfuß, ohne Lendenschurz (aber, zum Glück, mit Beinkleid), humorvoll und frisch, war nett, gute Unterhaltung, kann man ohne Verlust der eigenen Identität angeregt verfolgen.
Hat Spaß gemacht.
Zum Schluss erstiegen die Camper UZVA die Bühne, auch aus finnischen Gefilden. Mittlerweile spielt die Band, die nicht den idealen Sound bekam, Jazzrock, wie er nur aus Skandinavien kommen kann und in den 70ern auch ständig rüberschallte. Marimba! Marimba!! Wonderbra! Und sie legten los und hörten nicht mehr auf. Die Songs sind alle so um die 15 bis 20 Minuten lang, vielleicht auch 40 Minuten, keine Ahnung, war wie ein Rausch, ihnen zuzuhören, dass gar Petrus, Wettergott historisch christlicher Lande (hab gerade vergessen, wie der naturreligiöse Wettergott hieß, der vor altvorderem kriegerischen Einfall der Römer unseren germanischen Vorfahren diente…), die beglückten Besucher mit einem von der Hitze erlösenden, frischen Regenguss überraschte. Das Publikum rutschte dichter an die Band heran, unter das Vordach, das die Bühne barg. Und UZVA spielten und spielten und spielten und das Volk war glücklich und besoffen und berauscht.
Komischer Weise war nach der zweistündigen Zugabe (ein halber Song) nur noch ein kleines Häuflein Volk übrig. Wie ein Schuss waren die Leute abgehauen. Das Abbauen ging dann wohl auch ziemlich fix, keine Ahnung, war weg! Lag wieder auf meinem Wohnzimmersessel, dachte über die Rettung der Marsmenschen nach, geht auch wieder, mit voll aufgetankter Lebensenergiebatterie. War schön.
Text: VM
Fotos: Willi & Franz



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