FREAKSHOW ARTROCK FESTIVAL 2007, 21./22.April Würzburg

Der unermüdliche Freakshowmaster Charly Heidenreich rief auch dieses Jahr, und wer seiner Abhängigkeit für ‚Entartete Rockmusik' frönen wollte, der kam. Am Samstag ins Cafe Cairo beim Jugendgästehaus in der Burkarder Straße. Denn die ehemalige Besserungsanstalt für Knaben mit ihrer markanten revolutions-klassizistischen Fassade (Peter Speeth, 1810) sollte ab 13 Uhr die Bühne abgeben für eine Internationale, die, kreativ und rezeptiv, Rockmusik in Formen bevorzugt, die mit ‚revolutions-klassizistisch' auch nicht schlecht beschrieben wäre.
‚Pünktlich' um 14:30 - Revoluzzer erschießen zuerst die Uhren - ging's los. MOON SAFARI aus Uppsala sind jung genug, um sich nach der Air-Scheibe benannt zu haben. Mit Knäckebrotfloß und Schwimmwesten paddelten sie Flower Kings-, Yes- und Genesis-inspiriert über den Mondsee. Mehrstimmiger Gesang, ätherisch-folkiges Gitarrengezupfe und ein Vollkornspektrum an symphonischen Keyboardsounds verankert diese Boygroup in der ‚Tradition'. Die fünf knutigen, melodienseligen Werwölfchen können in fünfzungigen Chorarrangements den Mond anheulen, wie sie am schönsten am frühen Abend im Innenhof des Cairo demonstrierten, einfach so aus Spaß.
Am entgegengesetzten Ende der Knut-Skala operierte - gefühlte 3 1/2 Stunden später - der Hardcore Metal Prog von INDUKTI. Die Polen lassen sich wohl nicht ungern gefallen, dass sie mit King Crimson, Tool und Taal verglichen werden. Ihre hochenergetische, von Doppelbassdrumstakkati angebollerte Wucht in Dosen, mit Ewa Jablonskas Laserschwert-Geige als Dosenöffner, ließ aus sphärischen oder düster brütenden Momenten Metalgewitter losbrechen. Effektvoll genug für permanente Headbanger, aber weitgehend nach Schema f und mit dem Bleigeschmack aus der Dosenfutterfrühzeit. Nach dem dritten Stück kam einem die Methode der Rhythmusschieber-
bande bekannt genug vor, um im Delikatessenladen zu kramen, den No Man's Land im Innenhof aufgebaut hatte.
Danach hieß es Warten auf YUGEN, eine Formation, die sich mit ihrem Debut Labirinto d'acqua als italienische Prog-Allstars empfohlen hatte. Kopf des Projektes ist Francesco Zago, der mit The Night Watch noch Genesis kopiert hatte, nun aber durch vertrackte Rock-In-Opposition-Labyrinthe einen Weg nach Donaueschingen bahnt. Er ist auch der Brainiac, der Yugen vernetzt in einem Anspielungsgeflecht von Borges über Gadda, Ernst Jünger und Leipniz bis Wittgenstein. Kompositorisch setzt er um, was man in der Hohen Schule von Univers Zero, Motor Totemist Guild & Konsorten lernen kann.
Da zeigt sich der Einfluss des Agartha- und AltrOck-Machers Marcello Marinone. Auf der Cairobühne quetschten sich - nach endlosem Soundchecktrouble - kurz vor Mitternacht 8 Mann, 3 Keyboards, Drums, Geige, Bassklarinette, der silbermähnige Markus Stauss (Spaltklang, Ulterior Lux) an Bass- & Sopranosaxophon als zentraler Blickfang und Zago mit seiner Gitarre. Seit Alex Buess das 2. Thermodynamische Gesetz vertonte, habe ich keine derarte Häufung vertrackter, manchmal vielleicht allzu vertrackter Tempo- und Richtungswechsel gehört. Kontrarhythmische, halsbrecherische Hetzjagden durch Escher'sche Treppenfluchten und Borges'sche Irrgärten, Loony Tunes nach angeGödelten Principia mathematica, gespickt mit Gentle Giants ‚So Sincere', King Crimsons ‚Larks' Tongues in Aspic', ‚Trois morceaux en forme de poire' von Erik Satie und ‚Histoire du soldat' von Strawinsky. Abstraktion paarte sich mit mediterraner Lust an Zitaten und Tänzen wie dem von ‚Inspektor Derrick' mit Nino Rota. Die enorme dynamische Spannweite, die immer wieder auch Pianissimopassagen wagte und viele Stücke in Stille ausklingen ließ, schürte ständig die Aufmerksamkeit und die Neugierde auf unkalkulierbare Wendungen. Erstaunlicherweise ließ sich das Publikum mehrheitlich gerne um die unmöglichsten Ecken von ‚Le rovine circolari', ‚Quando la morte mi colse nel sonno' und ‚Corale Metallurgico' und über alle Hindernisse von ‚Brachilogia' und ‚Catacresi' jagen, sich ein ‚Omlette Norvegese' servieren, tanzte im Kopf den ‚Danze corazzate' mit und erklatschte drei Encores. Ein Finale wie in den Lurchi-Heftchen - Lange schallt's im Cairo noch: Yugen Yugen lebe hoch!
Sonntag ab 13 Uhr die Fortsetzung im AKW, in dessen Biergarten im Laufe des Tages Bierbäuche gepflegt, CDs gedealt und Guinness-würdige Geduldsfäden gesponnen wurden:
Denn natürlich kamen SCHIZOFRANTIK erst ‚Stunden später' in die Gänge.
S. ist seit 2005 die Spielwiese des Gitarristen Martin Mayrhofer, der nach dem Metal Rock mit Mortality, einer Progressive-Phase mit Illegal Aliens und Speedcore mit SLID nun seinen Faibles frönt für Zappa, Mr. Bungle, King Floyd und/oder Anekdoten (sagt man). An seiner Seite der Panzerballett-Gitarrero Jan Zehrfeld. Die Diagnose vermerkt bei ihnen: frickelig, funky und - fett unterstrichen - manische Schübe, Komplexitätskomplex und Anflüge von Größenwahn, der sich in einer Lautstärke austobte, gegen die jedes TÜR ZU vergeblich sich stemmte. Genaueres wissen die, die drinnen waren. Ich war nur Lauscher an der Wand.
Zehrfelds PANZERBALLETT spielte danach ‚Metaljazz', der durch den Bandnamen und Titel wie ‚Zickenterror' oder ‚Meschugge' (auch wenn der nur durch die schwedischen Bratzmetaller Meshuggah angeregt wurde, über die Zehrfeld seine Diplomarbeit geschrieben hat) ganz passend charakterisiert wird. Dazu pushen Saxophon, Funk-Bass und Drums Headbangwillige unerbittlich über die Kante ins Epileptische. Hier hört man deutsches Handwerk, Fraktalexzess statt Blitzkrieg, Zappelphilippika gegen den Geist der Trägheit. Gut geölt, aber mit eingebautem Nervfaktor und deutschem Humor. Die Geschichte von Omas ‚Rüblikuchen' - aua, aua. Zusätzliche Bauchschmerzen machte die gnadenlos wachsende Verspätung. Angeblich gewannen Rommels Urenkel haushoch 8:0 gegen sich selbst. Ich saß immer noch an der Kasse fest.
"Mekanik Metal Disco über alles" überschrieben SEBKHA-CHOTT, die angeblich aus Ohreland bei Le Mans kommen, ihren plunderphonischen Verschnitt aus Funpunk, Metal und Weltmusik. Infiziert von einem Mr. Bungle-Virus, entwickelten sie die Manie, die Menschheit mit Werken wie "De l'existence de la mythologie chottienne en 7 cycles" & "Nagah Mahdi - Opuscrits en 48 rouleaux" beglücken zu wollen. Ebenfalls im Achter-Pack stürmten sie die AKW-Bühne mit ihrem total schrill kostümierten Musiktheater, mit Posaune und Trompete, Boredoms-Versionen von Ska, der World Inferno Friendship Society in New Orleans, dem Pabst auf dem Reichsparteitag. Der ‚zappaeske' Klamauk - Charlys Beitrag zum Kindernachmittag im AKW? - weckte das Kind im Freak. Manch andrer saz ûf eime steine und grübelte, wie man driu dinc erwurbe: Geduld, Geduld und nochmals Geduld.
Nicht um 9, nicht um 10, um 11 p.m. (!) öffnete sich endlich der imaginäre Vorhang vor dem eigentlichen Objekt der Begierde dieser Freakshow - der Deutschlandpremiere von SLEEPYTIME GORILLA MUSEUM aus Oakland. Aufgemacht und geschminkt wie minoische Zombies, mit schwarzen Zähnen, in Kleidern (!) mit roter Rose am Dekolleté zu martialischen Stiefeln, entfalteten der charismatische Nils Frykdahl, das Energiebündel Carla Kihlstedt mit Geige, Theremin und Bassharmonika, Dan Rathbun mit Bass und seinem selbstgebauten Bass Log, auch Sledgehammer Dulcimer getauft, dazu Matthias Bossi und Michael Mellender an Drums, Percussion & Trompete ein Drama, vor dessen Beschreibung ich kapituliere. Die düstere Wucht der Swans gepaart oder in abrupter Kollision mit hartem Art Bears-Stoff und futuristischem Metal, Donnergötterbreakbeatgewitter oder ganz fragile perkussive Muster im Wechsel mit dröhnendem Pathos, Thereminsounds, Gitarrenfeuer, dazu immer wieder die Verve von Kihlstedts Geige und ihrer hellen Stimme, die einem Sätze unterjubelt wie: The future sticks out its tongue in the eyes of the gentle past und The houses are all gone under the sea / The dancers are all gone under the hill. Das gibt Artrock, der, bestrahlt mit Energieformen aus der Zeit der Golfkriege, mutiert ist zu neuer Brisanz. Ähnlich scheint der chinesisch bezopfte, bizarr kinnbärtige, leichenblass bemalte Frykdahl, der mal wie eine Porzellanpuppe marionettenhaft zuckt oder mit theatralischer Gestik jeden Deathmetalteufel überteufelt, wenn er ‚The Donkeyheaded Adversary of Humanity' mimt, bei ‚FC: The Freedom Club' den Advokat des Unabombers spielt (Let us dream now the impossible dream of a math professor) oder ‚The Creature' von der Leine lässt (There is a creature. It has to feed. It stops at nothing to fill it's need) wie eine perverse Mutation von Peter Hammill. Wie dieser reißt er existenzielle Fragen an und innere Widersprüche auf, die in der eigenen Psyche und die in der Gesellschaft. Bring back Bring it back Bring back the apocalypse ist wie hingespuckt, gutturales Grollen kippt in Kopfstimmendiskant. ‚A Hymn to the Morning Star' ist dafür eine pathetische Anrufung in Harmoniegesang und wird prompt den A Cappella-Boys von Moon Safari gewidmet, denen die Gorillas im Biergarten gelauscht hatten. Auch Kihlstedts zartbitteres ‚Gunday's Child' greift einem an die Herzgurgel. Was für Thrills, was für Spannungen, die musikalisch und emotional nach Auflösung schreien und in Stakkatogewittern auch tatsächlich frei gesetzt werden. Ein solch musikalischer ist der einzige Totalitarismus, den ich mir gefallen lasse.
Trotz der vorgerückten und überhaupt verrückten Stunde werden Zugaben erjubelt. Und Sleepytime Gorilla Museum hat noch Reserven, um zu verblüffen. Mit Schnarchtönen, zu denen Frykdahl murmelt, dass Vögel im Flug pro Sekunde 150 Schlafphasen einschalten, und mit Wolfsgeheul, mit Moonhopping, Headbanging und obendrauf noch einem ganz neuen Song. Den in die Auferstehung Gejagten blieb endgültig die Spucke weg. Selbst die Sleepytime-T-Shirts gab es danach natürlich nur in XXL.
Fazit? Mit Yugen und Sleepytime Gorilla Museum eine bemerkenswerte und eine sensationelle Deutschlandpremiere, dazu allerhand Missbrauch von Abhängigen. Aber wie das bei Abhängigen so ist - zum Abschied gab es nur einen Gruß: Bis nächstes Jahr in Würzburg.

text: rbd / bad alchemy
schwarzbilder: vm



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