Freakshow Artrock Konzert am 09.10.2005 im AKW, Würzburg

Discus und Liquid Scarlet

Pünktlich um 17 Uhr sollte das Konzert beginnen. Die Gäste drängten sich entsprechend frühzeitig vor der Tür zum AKW, dem kleinen, schwarzen Konzertraum in Würzburg - und konnten nicht eingelassen werden. Etwa 70 bis 80 Gäste standen draußen und begannen im kühlen Abendhauch zu frieren, als Charly Heidenreich, niemals müder Veranstalter und quirliger Organisator, auf ein Podest stieg und die Schwierigkeiten erklärte.
Für Charly hatte das Konzert bereits Monate früher begonnen. Mit jeder Menge Emails und Telefonaten. Die Bands mussten eingekauft, der Technical Raider studiert und die Techniker rangeholt werden (die schließlich, obschon professionelle Techniker, für Charly und Progressive Rock alles "für umsonst" machten).
Zwei Tage zuvor hatten beide Bands, Liquid Scarlet und Discus bereits in der Schweiz gespielt, auf dem Prog Sol Festival. Da gab es keine technischen Probleme. Doch hier sah es anders aus. Discus benötigten ein 32 Kanal Mischpult, dafür brauchte es den entsprechenden Tontechniker/Mixer.
Noch am Sonntag selbst durchstreifte Charly mit seinem Auto (der Auspuff war in der Nacht zum Samstag, auf der Rückfahrt vom Prog Sol, gebrochen und der Wagen brüllte höllelaut) die Stadt auf der Organisation nach Notenständern, Mikrofonkabeln, Schlafsäcken für Liquid Scarlet, Stage Monitoren, Mikros, Mitarbeitern. Ganz nebenbei mussten Discus betreut werden, allein die Übersetzung der Inhaltsstoffe im Essen - die meisten der anwesenden 14 Indonesier essen aus religiösen Gründen kein Schweinefleisch - war kompliziert genug, aber in witziger Atmosphäre gelöst, wie die Kommunikation insgesamt über nuschelndes Englisch, kulturelle und mentale Unterschiede hinweg nicht immer ganz leicht war, was auch an verschiedenen Interessenlagen lag… Nun, der Mann hatte zu tun. Und hätte die Polizei ihn mit seinem Auto kalt gestellt, wäre wohl der komplette Event in sich zusammengebrochen. Vermutlich liegt es an der unerschütterlichen positiven Einstellung von Charly, dass die Chose überhaupt läuft und lief, sein Name wurde den Tag über ständig gerufen, für welche Fälle auch immer.
Um 17 Uhr hatte noch nicht die erste Band mit dem Soundcheck begonnen. Das Mischpult war völlig verstellt, die einzeln angeschleppten Verstärker und Boxen machten ihre Schwierigkeiten, ratlose Musiker und ein leicht genervter Mixer drinnen, und die enttäuschte Menge Besucher draußen, von Charly beruhigt, ließen die erst positive Stimmung abflachen.
Ein CD-Stand aus Charlys Katalog, den Fix Sadler und die Babyblauen organisierten (woran man wieder einmal die familiäre Atmosphäre und das unbedingte Vertrauen in der Szene erkennen kann), konnte fürs Erste die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich ziehen, drinnen ging es schließlich auch positiv voran.
Liquid Scarlet sollten als erste Band spielen. Da jedoch die meisten Besucher wegen Discus gekommen waren und die Zeit drängte, wurden die beiden Bands kurzerhand ausgetauscht. Discus begannen mit dem Soundcheck, der scheinbar von großen kommunikativen Schwierigkeiten begleitet war. Doch schließlich irgendwann gegen halb 7 war endlich Einlass. Charly bestieg wieder die Bühne, kein bisschen müde oder genervt, sondern mit Scherzen auf der Lippe und meinte erst einmal, dass das Publikum bitte noch einmal 10 Minuten warten möchte, da solle noch jemand kommen, der das Event für das lokale Fernsehen aufzeichnen würde.
Überhaupt, was hat Charly Heidenreich von dem Gig? Er meint, wenn die Bands sich auf der Bühne austoben und das Auditorium begeistert ist, dann hat er es geschafft. Und hin und wieder findet er auch mal eine Pause und steht in der Menge und rockt mit, während er laut "Rock'n'roll" brüllt.
Es war noch vor 7 Uhr, als Discus zu spielen begannen. Der anfänglich breiige Sound wurde schnell besser, die Stimmen und Instrumente bekamen einen klaren Klang und die teilweise 9 Musiker auf der Bühne spielten ein irrwitziges Gebräu, das vorher noch nicht diese Hallen gefüllt hatte. Progressive Rock, Jazzrock, Metal, 12-Ton-Musik, Gamelan und die wahnwitzige Vermengung dieser furiosen Stile auf heftige Weise kam von der Bühne herunter. Die neue Sängerin, seit der Kindheit gelernte Tänzerin der indonesischen Folklore, bewegte ihre Hände in perfekter Choreographie, während sie ihren stark folkloristisch geprägten Gesang intonierte. Teilweise stand ein zweiter Sänger auf der Bühne.
Lustiger Weise ist das einer der bekanntesten und erfolgreichsten Popmusiker Indonesiens, oder gar des ganzen hinteren asiatischen Raumes, der Millionen CDs verkauft (und beim Empfang der Band samt kultureller Delegation einen Tag zuvor im Würzburger Rathaus mit großem Bahnhof empfangen und gar von einigen deutschen Girlies umworben wurde) und nur mit Discus auf der Bühne stand, weil er Progfan ist, auf die Musik abfährt und Prog CDs sammelt, wie er mir vorher gestand.
Iwan Hasan, Chef der Band, Lead-Gitarrist und Sänger, fuhr wilde Jazzrock-Läufe auf den Saiten, brüllte sich die Seele aus dem Leib oder spielte die ethnischen Saiteninstrumente, wenn die Band akustisches Material spielte. Das musikalische Programm war sehr vielseitig, von zappaeskem Progressive Rock über Folk und psychedelische Metaphysik brach die Band in heftigen Metal aus. Gerade einmal 10 Songs spielte die Band in den 2 Stunden auf der Bühne.
Die Meinungen nachher gingen extrem auseinander. Während einige Stimmen meinten, der Folkanteil sei zu hoch, für einige sei gerade der Gesang schrecklich gewesen, konnte das für andere nur noch mehr und deutlicher betont werden. Die Jazzrock-Läufe auf der Gitarre, die justament gerade mich ungemein verzückten, langweilten andere und brachten sie geradezu auf. Und so soll es sein, jeder Besucher soll sich selbst in der Musik wieder finden und seine Meinung vertreten.
In der Umbaupause zu Liquid Scarlet hing ich persönlich dem vergangenen Klang des Discus Konzertes nach, begeistert und aufgewühlt und so ging alles an mir vorüber.
Und dann standen die ganz in weiß gekleideten Schweden auf der Bühne und rockten ihr crimsoneskes, alternatives Rockprogramm ab. Sie spielten ein sehr emotionales Set, mit brüllenden Gitarren, kreischenden Keyboards und ratterndem Schlagzeug. Die Band arbeitet nicht mit besonders komplexer Musik, sondern beeindruckt mit fettem Sound. Liquid Scarlet legten sich voll ins Zeug und begeisterten das seit Discus zahlenmäßig etwas geschrumpfte Publikum. Zum Schluss lagen sie auf der Bühne und suhlten sich in grandiosen, wilden Lärmkaskaden, zerschmetterten den letzten Song, die letzte Zugabe.
Irgendwann war die Show zu Ende. Das restlos erschöpfte Publikum zog mit glänzenden Augen davon. Die Bands wurden ins Bett gebracht, die Technik abgebaut, einige Teile hier und dorthin gekarrt, der Saal gefegt und um 3 Uhr morgens lag Charly in seinem Bett. Er hatte am meisten zu tun gehabt, war aber glücklich und froh. Und ganz nebenbei, er hatte sich die teuerste Eintrittskarte gekauft…

Weitere Photos von der Show: mosemoses.de
VM
Fotos: VM




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