Christoph Haberer "Pulsation" (JazzHausMusik 1994)

Das Kölner Label JazzHausMusik glänzt immer wieder mit "Hausmusik" für Avantgardisten, deren Herzschlag sich beim Hören derselben merklich beschleunigt; auch bei dieser Produktion gerät das Blut gehörig in Wallung, wenn auch in etwas subtilerer Form. Christoph Haberer ist ein Trommler, der durch sein sehr differenziertes und technisch hochstehendes Spiel einen bleibenden Eindruck hinterlässt, gleichzeitig aber grooven kann, bis der Arzt kommt (wenn er sich denn vom vielen Streiken erholt hat). Auch die anderen Beteiligten an dieser CD (Michael Heupel - Flöten, Didgeridoo; Paul van Kemenade - Altsaxophon; Thomas Heberer - Trompete; Ramesh Shotham - südindische Percussion; Stefan Bauer - Vibraphon, Marimba) sind wahre Meister an ihren Instrumenten, wenn sie dies auch nicht unbedingt vordergründig zur Schau stellen. Viele der enthaltenen Stücke sind hochmelodisch und doch irgendwie anders; durch das hervorragende Flötenspiel und die asiatischen Bezüge wird man immer wieder an Jethro Tulls "Roots To Branches" erinnert. Andererseits erzeugen atonale Ausbrüche, etwa am Altsaxophon, ein äußerst erfrischendes Spannungsfeld. Der quantitativ und qualitativ stark besetzte Percussion-Bereich interagiert sehr organisch und verleiht den Aufnahmen die Wesenhaftigkeit eines feinen, aber dichten Gespinsts. Exemplarisch möchte ich auf einige der allesamt hochklassigen Stücke etwas detaillierter eingehen. Bereits in der Eröffnungsnummer "Snow Melting" kommt das die gesamte CD durchziehende Changieren zwischen Jazz und Ethnischer Musik, gepaart mit akzentuierten Rockrhythmen, die sich in permanenter Mutation befinden, deutlich zum Ausdruck, wobei sich Christoph Haberer auch im elektronischen Bereich (Synthesizer-Sequencing, Percussion-Programming) als echter Könner erweist. "Den Lille Sang" besitzt durch die auf diversen Flöten gespielten, fragil wirkenden Melodielinien ausgesprochen lyrische Momente. Das Haberer/Heberer-Duett "Swinging Cars" kann als jazzige Klangcollage bezeichnet werden. Die indische Rhythmen-Silbensprache gibt dem Titel "Ta-ka-ta-ki-ta" den Namen; diese Silben stehen für einen Fünfer-Rhythmus, der eindrucksvoll in die Tat umgesetzt wird. In "Knitting Harmonix" fabrizieren Haberer und Heupel ein Geflecht aus (teils elektronischen) Trommel- und Flötentönen, das sehr vitalisierend wirkt. "In Fragranti" ist als Reminiszenz an W. A. Mozart zu verstehen; hier rechnet Herr Haberer höchst unterhaltsam mit "den oft ungeliebten Klavierstunden" seiner Kindheit ab. Ein relativ selten zum Einsatz kommendes Instrument, die Subkontrabass-Flöte, findet in "The Deccan Queen SKB Express" Verwendung und arrangiert sich hervorragend mit den Sprach-Samples, die just in dem im Titel erwähnten indischen Zug aufgenommen wurden. Insgesamt eine CD mit hohem Suchtpotential!!! Alle Augen hoch zum Regenbogen, der wie ein Silberstreif am Horizont erscheint.

christoph-haberer.de
Frank Bender



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