Helios Quartet/Jenoure/Gramss "Looks Like Me" (Free Elephant 2006)

Spätestens mit dem Schrei eines der Musiker (Gareth Lubbe) nach vier Minuten im zweiten Stück "sight" hätte meine Großmutter mütterlicherseits, die die bisherigen Klänge wohl für abstrakte, moderne Kunst gehalten hätte, empört die CD ausgemacht und der Interpretation eigener improvisativ intonisierter Ideen der Musiker jegliche Kunstfertigkeit abgesprochen. Soweit wohl die historische Sicht der Dinge. Öffnet andererseits eben dieser Schrei - und mehr noch - weitere folgende vokale Lautäußerungen sowie Lachen der Musiker dem progressiven und an Avantgarde interessierten Publikum automatisch die Sinne? Das hängt von der improvisativen Qualität der Musiker ab, vom musikalischen Erlebnis, der Dichte der Struktur und der Ensembleharmonik.
Klassisches Instrumentarium unter sich verführt schnell dazu, einen Komponisten oder Stil zu suchen/erkennen, um entsprechend auf die Klangerfahrung eingehen zu können. (Aha, Messiaen, ist schräg. Aber, welch Glück, nicht Ligeti!)
Doch hier übt sich ein Quartett samt Gästen in der Anwendung klassischer Streichinstrumente ganz nach eigenem Sinn, ohne Komponist und Partitur, ganz auf die eigene Phantasie, die Beherrschung des Instrumentes (sowieso!) und das blitzschnelle Eingehen auf eine just gespielte Figur des Nächsten orientiert. Erstaunlicher Weise heißt die CD nicht "Sounds Like Us". Die Musiker sind im Booklet zur CD abgebildet und schauen ganz normal aus, als säßen sie vor Noten und übten sich in der Interpretation einer ganz "normalen" Musik. Die Instrumente werden klassisch bedient, die "gute Schule" der Musiker ist zu hören. Neben dem Helios String Quartet: Axel Porath (va), Ulrike Stortz (vi), Gareth Lubbe (va, voice) und Scott Roller (ce) sind der Kölner Jazzmusiker Sebastian Gramss (b) und die amerikanische Improvisationskünstlerin Terry Jenoure (vi, voice) in den 9 Stücken auf "Looks Like Me" zu hören.
Die Musiker üben sich in Grenzüberschreitung, der Hörer bekommt eine Menge unorthodoxer Klänge zu hören, die er nicht verstehen muss, aber erspüren kann. Wenn vieles auch klingt, als habe es seine Inspiration in moderner Klassik, so wird doch deutlich: die haben auch schon mal Rock und Jazz gehört und fühlen sich mit feinem Sinn und schrägem Strich in den oftmals erstaunlich stillen Ensembleklang ein. Gareth Lubbe gibt irgendwann gar asiatisch anmutende Kehllaute von sich, das klingt wie in der ethnischen Worldmusic, aus russischen Klostern oder im Psychedelic Rock.
Ein leichtes Stück Musik ist "Looks Like Me" nicht. Wer keine Ausdauer mitbringt, wird bald gelangweilt sein ob der vielen seltsamen Töne und ihrer verwirrenden Masse in manchem lauter werdenden Part. Dem potentiellen Publikum kann die Musik niemals so interessant erscheinen, wie den Improvisateuren selbst. Das besondere Erlebnis eines solchen Zusammenspiels ist wohl ähnlich befriedigend, wie in einem großen Chor das Weihnachtsoratorium (o.ä.) zu singen. Das schnöde Hören kommt an den Rausch, den man dabei erlebt, nicht heran. Ich persönlich vermisse reiche harmonische Struktur, wie sie beispielsweise von György Ligeti in vielen Fällen so grandios komponiert worden ist. Dennoch ist die CD für mich persönlich nicht uninteressant, auf der Autobahn wurde ich beim Hören der CD, ganz gebannt, immer langsamer - und habe schließlich dennoch die Abfahrt verpasst.

free-elephant.de
VM



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