Helrunar - Grátr (Lupus Lounge 2009)

Oft hält er sich in argen Grenzen, der Sinngehalt von Wiederveröffentlichungen. Schaut man nach Gegenbeispielen, findet sich hier aber ein hochkarätiger Kandidat, denn "Grátr" war bislang eine wahrhaft vielgesuchtes Werk. Schliesslich wurde die Eigenveröffentlichung von Helrunar 2003 mit einer Auflage von nur 500 Stück aufgelegt und entwickelte sich schnell zum Selbstläufer. Das 2005 folgende fantastische Label-Debut "Frostnacht" und das zumindest sehr solide Zweitwerk "Baldr ok Íss" haben die Nachfrage noch deutlich stärker in die Höhe schnellen lassen und nun ist es 2009 soweit - "Grátr" ist als Neuauflage auch ohne kostspielige Internet- oder Plattenbörsen-Suchexzesse erhältlich.

Dass der vorauseilende positive Ruf hier nicht bloß ein Hype oder seltsame Kult-Inszenierung ist, dürfte eigentlich schon beim ersten Hören klar werden. Zumal sich das Trio aus Münster auf holprigem Grund bewegt, gibt sich deutschsprachiger Black Metal mit heidnischer Prägung in mehr als der Hälfte der Fälle doch schlicht der Lächerlichkeit preis. Aber davon keine Spur, Helrunar schreiben tiefsinnige, ebenso poetisch wie philosophisch angehauchte Texte und wahren in ihrem Songwriting stets die Balance zwischen rasender Härte, Eingängigkeit und Anspruch.
Ähnlich wie später "Frostnacht" enthielt auch "Grátr" bereits einige herausstechende Hymnen, die schon beim Erstkontakt umhauen und im Übrigen auch live bestens funktionieren. Dies beginnt gleich in Form von "Raune mit der Tiefe", welches mit einer Thrash-Kante geradeaus nach vorne prescht und in der Songmitte von epischen Pagan Metal Elementen durchzogen wird. Kongeniale Pendants dazu sind das zunächst introvertiert beginnende und dann schier exstatisch werdende"Seelenwinter", das orthodox in nordischer Schwarzmetall-Tradition gehaltene und von einem mitreissenden Melodiebogen begleitete "Morket under Verden" wie auch die intensiven und vielseitigen Höllenritte "Ich bin die Leere" und "Das heilige Feuer". Nicht zu vergessen hier, dass es auch zum Spektrum Helrunars, zwischendrin kürzere und eher folkloristische Stücke einzuflechten, die nicht so sehr wie Genanntes hervorstechen, aber doch mehr als bloßes Beiwerk sind.

Zudem sollte man sich auch heute noch einmal vor Augen führen, dass es sich hier um die erste Veröffentlichung der Band überhaupt handelt, denn angesichts dessen ist das gebotene Niveau tief beeindruckend. Helrunar drücken punkto Ausdruckskraft und Intensität auch international so ziemlich Alles an die Wand und werden sich hoffentlich diese instinktive Geradlinigkeit ihrer frühen Jahre weiter bewahren. Wer also bislang kein Exemplar von "Grátr" ergattern konnte, kann hier bedenkenlos und genüsslich zugreifen.

Volker Schulz



Zurück