In the Country "Sounds and Sights " [CD+DVD] (rune grammofon, 09.09.2011)

Das Coverdesign ist bemerkenswert unansehnlich. Wer sich daran vorbei gekämpft hat und die Musik wirken lässt, vergisst das schnell. In the Country, als da Morten Qvenild (grand piano, electronics, vocals), Roger Arntzen (double bass, vocals), Pål Hausken (drums, percussion, electronics, vocals) und Andreas Mjøs (guitars, vibraphone) wären, lassen alles Äußere schnell vergessen, ziehen in den Bann, wirken in tiefer Melancholie magisch und, skandinavisch, dunkel und folkloristisch. Die Folk-Jazz-Kapelle lud Filmemacher Claus Arthur Breda-Gulbrandsen zu Konzerten in Norwegen ein, Material für eine DVD aufzuzeichnen. Doch Breda-Gulbrandsen hatte eine weitaus größere Idee als die nächste Konzertshow zu realisieren. Er machte einen Film, der in Trakowsky-ähnlichen Traumsequenzen mit Szenen spielt.
2 Disks umfängt die Produktion, Sounds ist tatsächlich ein Konzert, das kaum als Konzert wirkt, sondern wie eine weitere Studioproduktion in ihrem großen Klang, der unscheinbaren und kaum bemerkbaren Publikumswirkung, in der luftigschweren Tiefe der Songs.
Sights ist der Film Breda-Gulbrandsens. Irrationale, verfremdete Bilder, überwiegend in Schwarz-Weiß, die zwischen der an ihren Instrumenten gemeinsam arbeitenden Band und epischen Landschaftsbildern wechseln, bewusst und vorsätzlich mit Bildstörungen arbeiten, surreale, melancholische und teils morbide Bildlandschaften offenbaren, die eigene Geschichten erzählen, den Charme der Musik indes nicht, trotz Winterschnee und verlorener Bildleere, ins Bewusstsein transportieren und nur wenige Menschen ohne Gesichter, nur Füße, Hinterköpfe oder Rückseiten präsentieren, sind zu sehen. Gut zu erkennen ist der Wille des begabten Filmemachers und der Band, eine ausgefallene, ungeschönte, tief melancholische Bildgeschichte zu erzählen, die nicht mit Licht und Effekten protzt, sondern Stille und Verinnerlichung bedeutet. Nicht zuletzt, der Band ist gut zuzusehen, wie das zum Quartett gewachsene Ensemble da an seinen überwiegend akustischen Instrumenten Musik macht, ungeschminkt, unrasiert, unbeleuchtet, das kann unter die Haut gehen, vor allem, wenn die Energie eines der Stücke in der instrumentalen Weite hohe Amplituden schlägt. Die Heftigkeit des instrumentalen Wildwuchses ist nicht ausufernd, wirkt begrenzt und auf einige markante, vitale Ausbrüche konzentriert. Wie die Band ihre Songs spielt und darin aufgeht, ist fabelhaft zu sehen. Mehr zu sehen ist auf "Sounds", ganz ohne Bilder. 8 Tracks sind enthalten, überwiegend instrumental. Opener "afraid" ist eine dunkle Popballade, kaum Jazz, sehr eingängig, in tiefer Lyrik aufgehende Zuckersüße, deren melancholische Düsternis sehr anziehend ist. "Whiteout" im Anschluss steigt wahrhaft Stufen hinan, der Beginn des 9-minütigen Tracks nimmt mit und offenbart reichlich morbide Musikkunst, die stets um dunkle Stille mäandert und nur wenigen Ausbrüchen expressive Weite erlaubt, die dann allerdings schön energisch ausfallen. "Kung Home" läuft über 15 Minuten, spielt aus zarter, fast kindlicher Spiellust in wahnwitzige Expressivität hoch, um lang auszupendeln. "Brothers in Arms" im Anschluss stammt von den Dire Straits, habe ich nicht erkannt, habe das Original allerdings etliche Jahre nicht gehört und brauche den Vergleich nicht. Die Version In the Countrys erinnert mich nicht an Dire Straits, hat eine ganz eigene Dynamik, wirkt auf der CD allerdings tatsächlich popbetonter und weniger tieflyrisch als die 7 weiteren Stücke. Über 65 Minuten sind auf CD sowie DVD zu hören und sehen. Mit Jazz im amerikanischen oder herkömmlichen Sinn haben die norwegischen Skandinavier kaum Gemeinsamkeiten, die hier machen beeindruckende Folkdüsternis für den gereiften Jazzfan.

inthecountry.no
runegrammofon.com
VM





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