Jazzfest Berlin '06

Latschen und Lauschen - der Provinzler in der Hauptstadt

"Berlin, Berlin, tote Stadt, scheiß Stadt mit Stacheldraht auf weißen Zäunen - Berlin ist alt und voll Gewalt…" sang Nina Hagen einst. Der Song hat sich überlebt; die Punk-Tante, heute eher im Dschungel der Popmaschine ein alt-schrilles Hinguckerchen, ebenso.
Berlin ist trotz drohenden Pleitegeiers eine pulsierende, berauschende Stadt, voll ansteckendem Lebensgeist und schrägem, niemals endendem Einfallsreichtum. An allen Ecken wird gebaut, restauriert, gepfuscht und veredelt. Sprachgewirr allerorten, Snobs und Clochards füllen die Straßen. Coole Läden werden eröffnet, während andere wieder schließen müssen. Kneipen und Pubs an jeder Ecke. (Tipp: Das Kilkenny unterm Bahnhof Hackescher Markt.) Berlin Mitte ist gut zu durchlatschen.

Die einzelnen Jazzfest Konzerte fanden abends/nachts statt, so war Zeit, tagsüber mit offenen Augen endlos durch die Stadt zu laufen. Am Hauptbahnhof aus der Bahn, an den Monsterbauten des Regierungsviertels vorbei, Brandenburger Tor anfassen, Unter den Linden runter und quer die Seitenstraßen lang, wo ordnungswütige Architektur auch mal einen Baum zulässt, vorbei an öden Plattenbauten, von der bunte Werbung prangt, bis zum hässlichen Alex (ein paar Ecken dahinter liegt das Babylon, wo Donnerstagabend Flat Earth Society wilderten), zum Roten Rathaus und immer weiter, an allerlei großem und kleinem Gebäude vorbei, manches wohlgestalt, anderes erschreckend hässlich in seiner nahen Größe. Der Palast der Republik, das ist auf den ersten Blick klar, muss schon auf Grund der derzeitigen Schrottpreise abgerissen werden, doch anstatt dafür einen historisierenden Bürokasten dahin zu stampfen, wäre, Vorschlag!, ein Jazz-Hotel die weit bessere Alternative. Für Musiker aus aller Welt, für begeisterte Hörer und Fans, mit großem Vinylarchiv und kundigem Personal, das sich begeistert Löcher nach allerlei Platten, Konzerten und langen Stories in den Bauch quatschen lässt. Ein Jazzhotel ganz ohne historische Fassade, themenbezogen gegliedert, und mit langer Bar.

Flat Earth Society gaben am Donnerstagabend um 22 Uhr ein Doppelkonzert. Die ersten 61 Minuten baute das große Bläserensemble, die Society, keine Big Band, eher Avantgarde Orchester mit feinem Sinn für allerlei "schräges" Liedgut voll Kanten und Ecken, wild, virtuos, mit beißenden Disharmonien und pseudobravem Folkloremix, die musikalische Begleitung zum (schrulligen) Stummfilm "Die Austernprinzessin" von Erst Lubitsch (1919). Dabei konnte es passieren, dass die Band einige Szenen überraschend still blieb, um in anderen plötzlich und laut mit lebhaften Tönen um sich zu spucken. Enorm rhythmusorientiert; Schlagzeug und Xylophon, Bass und Bläser machten großen Spaß mit lautem Krach, tackerten sich durch die komischen Szenen und machten aus der filmischen Farce kluge, ausdrucksstarke Unterhaltung. Leider war der Saal nicht proppevoll, der Name Flat Earth Society ist (wohl ebenso wie der der dahin geschiedenen X-Legged Sally, die Vorgängertruppe um Peter Vermeersch und Pierre Vervloesem) kein Zugpferd. Nach 20 Minuten Pause spielten Flat Earth Society ein zweites und ebenso kurzes Set (es stellte sich heraus, dass alle Konzerte, die ich besuchte, circa eine Stunde kurz waren). Die Stühle waren von der Bühne verschwunden, Bewegung kam vor das Publikum. Ständig liefen die Bläser vor die Mikros, ins Publikum, an die Bühnenseite, setzten sich auf den Boden und sprangen wieder auf und an die Mikrophone, um Soli und Improvisationen zu spielen. So bewegt die Band, so virtuos die Musik. Schräge Bläserphantasien, ganz und gar ungewöhnlich komponiert und arrangiert, als wären 20er Jahre Filmmusik mit Avantrock, Free Jazz und Blasmusik eine illustre Melange eingegangen! Wer da gewesen war, ging wohl unterhalten, und innerlich gelöst.

Viel Architektur und Kultur gibt es in Berlin zu entdecken, ganz neben alltäglichem Poplärm, dessen Gesichter auf allerlei Bauzäunen dösen. Tolle Museen: das jüdische Museum, die Museumsinsel sowieso, die Galerien. Grauenhaft, trocken, witz- und geschichtsfrei sowie entsetzlich öde: das DDR-Museum.

Geht die Einkaufsmeilen bis an die Enden, an den riesigen Konsum-Hütten vorbei und weiter, weg von der Masse, dahin, wo die Lücken sind, die Ruinen, die Einschusslöcher aus dem zweiten Weltkrieg, bunte Punk-Paläste als Kunst-Orte getarnt, grell, chaotisch, verdreckt und witzig anzuschauen, weiter weg noch sind Plattenbauten zu finden, getarnt als "echte" Häuser, grausig! Dazwischen Restau-Ruinen und manches wunderschön sanierte Haus. Wer nicht lange gehen mag: Hackesche Höfe aussteigen und nur die 1000 Meter um den Bahnhof ablaufen, da treffen Zeiten und Kulturen aufeinander! Wahrhaft eindrucksvoll und nicht ohne Melancholie.

Vieles gibt es in Berlin. Viele außergewöhnliche Jazzkonzerte anlässlich des Jazzfestes, dessen Katalog rührend bunt ist und viel Inhalt bietet. Die im Katalog nur so bezeichnete und dem provinziellen Schreiberling bis dato unbekannte UdK ("Können Sie mir bitte sagen, wo ich DAS UdK finde?") entpuppte sich als DIE Universität der Künste. Im biederen Wilmersdorf gelegen, wo breite Straßen und nichts sagende Häuserreihen Kilometer füllen, gibt es neben versteckten netten Bauten und schönen Ecken das feine, große Gebäude der Uni. Am Sonnabend um 18 Uhr gab dort das "Radio.String.Quartet" aus Wien ein aufregendes Konzert. Zwar halte ich die des Öfteren angesprochene Meinung, die Musik des Mahavishnu Orchestra sei für Saiten prädestiniert, weil viele Saiten original darin vorkommen, für etwas überzogen (und zu erklärungswütig), aber nicht, was das illustre Quartett praktisch daraus machte.

Das Quartett um Bernie Mallinger spielte vor allem Songs der ersten beiden Alben des Mahavishnu Orchestras, hielt sich streng an die Kompositionen und zeigte ein verflixt gutes Gespür für eigene Arrangements der spannungsreichen Stücke. Bis auf wenige Tracks, so etwa "You Know, You Know", dessen bissige Spitzen das Quartett komplett wegließ, selbst die melodischen Motive fast auf ein minimalistisches Nichts reduzierte und doch die immense Spannung des Stückes hielt, war das einstündige Konzert eine äußerst positive Überraschung. Das Radio.String.Quartet verfiel angenehmer Weise ebenso wenig wie die zwei Stunden später konzertierende hr-Bigband in bluesiges Gedudel, wie es einige Coverbands in den letzten Jahren getan haben. Die Country-Einflüsse jedoch, die Jerry Goodman dem Mahavishnu Orchestra gegeben hat, kamen zum Vorschein. Das Quartett zeigte sich warmgespielt und selbstbewusst, spielte komplexe Parts ebenso lebhaft und dynamisch wie enorm sprudelnde agogische Zentren. Viele Stücke gab es in der viel zu kurzen Stunde nicht zu hören, da war Potential für deutlich mehr! Selbst wenn ein Teil des Publikums launisch zusah (Berliner!), war das Gros des Auditoriums begeistert und verlangte mehr. Für Zugaben blieb wenig Zeit, weil das nächste Konzert (gleich um die Ecke im Haus der Berliner Festspiele, dem Zuhause des Jazzfestes) nicht lange danach beginnen sollte.

Das 2006er Jazzfest Berlin hatte sich zwei Themen gegeben: Jazz und Film das eine, New Orleans das andere. Viel stilistische Abwechslung beinhaltete das vielseitige Programm dazwischen: Akustisches, Europäisches, Weltmusikalisches, Free Jazz, Avantrock, Mainstream, Folklore, Funk, Pop und wilden Rockjazz. Manche Konzerte liefen zeitlich parallel, so dass jeder Festbesucher längst nicht alle Konzerte sehen und hören konnte. Es galt, sich zu entscheiden und die Wege zwischen den Konzerthallen zu ermessen, um pünktlich von einem zum nächsten Gig zu kommen.

Das Haus der Berliner Festspiele war dann rappelvoll. Eddie Bo and his Band aus New Orleans standen um 20 Uhr auf dem Programm. Die launige Einführung des Conferenciers gab zum Besten, wie Eddie Bo nach Katrina in seinem heimgesuchten Haus einen Ort der Ruhe schuf, einen Ort für die Seele und für Musik. Der Pianist und Sänger brachte eine gutgelaunte Band mit, die sehr cool aussah. Der Saxophonist hatte weiße Jazztreter mit brauner Spitze an, die Eddie Bo während des Konzertes mit seinen Fingern abwischte, woraufhin Red Morgan zu tanzen begann. Die Truppe aus New Orleans spielte einen lebhaften, bewegenden Mix aus Blues, Funk, Rock'n'Roll, Boogie und Bebop. Straßenmusik im besten Sinne, von einem außergewöhnlichen Rhythmusduo vital untermauert. Soli an Gitarre, Saxophon und Piano gab es etliche, aber auch Tricky Dick Dixon, der große alte Mann mit Hut und Sonnenbrille am Bass, still und todernst im Off stehend, gab sein Solo. Eddie Bo jubelte, tanzte, animierte das Publikum und war ob seines angejahrten Alters fit und frisch und gut drauf, wie seine Band. Sehr unterhaltsam, die Show, und mit einer Stunde viel zu kurz.

Nach der Pause gab es endlich das Konzert, auf das alles Publikum gebannt gewartet hatte: die Big Band des Hessischen Rundfunks unter Leitung Colin Towns spielte "A Celebration of the Mahavishnu Orchestra" mitsamt den Gästen Billy Cobham und Jerry Goodman. Und was für ein fabelhaftes Konzert war da zu hören!

Ganz anders als das Radio.String.Quartet, nicht besser oder schlechter, nicht dynamischer oder spannender, aber lauter, kraftvoller, eindrucksvoller; krachend laut und irre lebhaft! Bläserzacken, die in den Ohren brannten und enorm Energie transportierten. Colin Towns hatte vordem Frank Zappa mit der NDR Bigband aufgeführt, aber seine Arrangements des Mahavishnu Orchestras zeigten sich intensiver, spannender, organisierter, es gab mehr Bigband Sound, mehr Volumen, mehr Esprit und Verve. Zappas Kompositionen waren fahriger und loser gespielt worden, es hatte mehr Soli gegeben, weniger dynamisches Spiel der ganzen Band. Hier waren die Spitzen von einem Volumen, das schier unglaublich war. Der Mann hatte Facetten aus den Songs gekitzelt, die bisher nicht abzusehen waren. Keine leichte Aufgabe, gewiss, aber gelungen inszeniert. Dabei gab sich der Conductor wie gehabt sehr selbstbewusst, sein Ensemble ebenso. Die Heavyness des frühen Mahavishnu Orchestras war natürlich nicht zu erreichen (oder gar zu toppen), das schafft auch keine Heavy Metal Combo. Doch das intensive Spiel dieses Schlagzeugers, Billy Cobham, einem Magier des Powerschlagzeugspiels, diese verdichtete Musiksprache war enorm. Kein Stück weniger interessant Jerry Goodman, der Hippie der damaligen Truppe. Als hätte er die Songs gerade erst gestern eingespielt, klangen seine Soli wie einst (was diverse CD- und DVD-Bootlegs verraten…), der Klang des Instrumentes, sein Ansatz, seine Spielweise - puh! Das war genial. Die Bigband gab etliche Soli, kurze zumeist, lange Soli spielten Jerry Goodman und Billy Cobham. Preis des großen Schlagzeugernamens: mehrere und lange Schlagzeugsoli, nicht langweilig, aber - Schlagzeugsoli. Gewiss, der Trommler ist einer der Besten, aber sein Spiel geht im Ensembleklang am Eindrucksvollsten auf. Doch Colin Towns wollte ihn und musste die Soli wohl oder übel mit einkaufen. Ein langes Solo hätte gereicht, dafür vier Tracks mehr. Zu guter Letzt war zu sehen, dass nach Schluss des Konzertes am Pult des Dirigenten noch Notenblätter auf dem Stapel lagen, von dem er für jeden neuen Song nahm. Die hr-Bigband hatte also mehr mitgebracht, schloss jedoch leider auch schon nach wie gehabt circa einer (gefühlten) Stunde.

In der Nacht danach waren U- und S-Bahn erstaunlich leer, kurz vor Null Uhr die Straßen wie leergefegt. Wie gut. Da blieben Dunkelheit und Stille um die Schritte, sich von Stadt und Jazzfest zu verabschieden. 5 Tage, von Mittwoch bis Sonntag waren viele Künstler zu erleben gewesen. Alles war dabei nicht zu schaffen.

Bleibt zu hoffen, dass das Jazzfest, das seit 1964 die Stadt überrascht, keinen Finanzzwängen zum Opfer fällt. Was dagegen hilft? Hinfahren!

berlinerfestspiele.de

Text: VM
Bilder: Jazzfest Berlin '06



Zurück