Joscha Oetz "Vieles ist eins" (Accretions 2002)

Der Titel ist treffend - die Vielfarbigkeit der Stücke von "Vieles ist eins" sind immer eins - spannender, virtuoser Jazz. Aufgebrachte, vitale, in den Himmel brüllende und doch bis zur Stille verebbende Songs voll Melancholie und - im Wirbelwind der aufsässig abstrakten Töne - tiefer, innerer Ruhe. Joscha Oetz am Kontrabass zaubert mit Barre Phillips, auch Kontrabass, sowie in einigen Stücken Andreas Wagner am Tenor Saxophon und Greg Stuart, Percussion erstaunliche, selbstbewußte und beeindruckende Möglichkeiten aus seinem Instrument. Da wird gezupft, geschlagen, geklopft und gekratzt - und in dem scheinbaren Durcheinander entstehen kleine, feine Harmonien, quasi-lyrische Melodien und fröhlich-forsche Tonfolgen, die man richtig gern haben kann. Früher begriff ich Jazz als etwas Revolutionäres, gegen-etwas-sein; Aggression und Schmerz hinausbrüllen in voller Wut. Hier jedoch ist viel eher ein starkes Für-etwas-sein zu spüren. Lust am Leben und Hingabe an die Musik. Eine andere Seite des Jazz, die doch gerade dem revolutionären Free Jazz sehr ähnlich ist. Ein illustrer Ausflug wilder Figuren, die in ungezügelter Freiheit zu neuer Natur findet. Doch gebremst ist nicht ein Ton von "Vieles ist eins". Fast scheint es, als versänken die Musiker in Trance, gleichsam ihre Finger, Lippen und Herzen zu einem höheren Spiel vereint, dass neben herkömmlichem Spiel allerlei freimusikalische Bedienung ihrer Instrumente erlaubt und dabei einen breiten Klangraum aufschließt, der gerade wunderbar anzuhören ist. Wer auch immer Angst vor dem Lärm hat, den er Free Jazz denkt, dürfte erstaunt über die überraschende Schönheit dieser Aufnahmen sein. Deshalb - unbedingt reinhören.

VM
www.accretions.com


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