Mark Solborg Trio feat. Herb Robertson & Evan Parker "The Trees" (Ilk Music 2013)

So dunkel und mystisch das Cover, so vital und lichtklar die freien Jazz-Improvisationen des dänischen Bandprojektes "The Trees". Das Mark Solborg Trio - Mark Solborg (e-g, acc-g), Mats Eilertsen (double b) und Peter Bruun (dr, perc, Kalimba) - arbeitete mit Herb Robertson (tr, voice, Kalimba, pump-org) und Evan Parker (ts, ss, Kalimba, Gong), beide aus unzähligen Jazz- und Avantgarde-Projekten wohlbekannt, zusammen. Es spricht sich herum, dass es im europäischen Dänemark eine improvisative Szene gibt, die nicht auf herkömmliche Jazzstrukturen setzt, und wenn, dann nur wenig, dafür ein feines Gespür für inspirierte Kompositionen aus dem Bauch und Moment entwickelt, die nicht vergleichbar sind, kaum wie ‚Jazz' klingen, eher so etwa wie die Verbindung Neuer Musik mit Jazz ist, oder anders: wenn Neue Musik an sich streng komponiert ist, ist diese Musik, ähnlichen Geistes, völlig ohne Strenge entstanden.
Es gibt indes eine Menge Voraussetzungen für diesen ‚Sound'. Zum einen der handwerklich geübte und perfektionierte Umgang mit dem eigenen Instrument, ein umfangreiches Wissen um bekannte Musikstrukturen, kompositorische Inspiration während der Studiosessions, in der Band, in jedem Augenblick, der Mut zur Freiheit, in der Gruppe seinen Part kraftvoll und dynamisch zu spielen, und gemeinsam lebhafte und lebendige Musik zu kreieren, die aus sich selbst spricht und geübten Ohren dieser Spielart nicht lächerlich oder billig vorkommt. Nicht zuletzt muss es Erfüllung und Freude sein, solche Musik zu spielen; und gewiss wird es einen Heidenspaß machen, so frei und kreativ zu musizieren, und dabei zu Ausdruck und Form zu finden.
10 Tracks sind auf der 47:54 Minuten langen CD. Zwischen zwei und siebeneinhalb Minuten laufen die Stücke. Am Besten gefällt mir persönlich das mit 7:29 Minuten längste "Chestnut and the Woods", weil aus tiefster Stille frechste Kommunikation erwächst. Stoische Ruhe (Gitarre, Bass) und clowneske Übertreibung (Trompete) von kaum erkennbaren ‚Geräuschen' ummantelt (Gitarre, Schlagzeug, Kalimba, Saxophon, Bass), geben der Note einen lebhaften, dynamischen Ton, der anspruchsvoll und intelligent ist, und daneben gut unterhält. Vielleicht könnte diese Art ‚Jazz' gar auf der Einkaufsstraße am Samstagvormittag funktionieren, es gäbe zumindest einige interessierte und belustige Fußgänger, die bereichert wären für den Tag.
Anders als im Free Jazz der 70er Jahre, als alles gen Lautstärke und krassen Ausdruck fuhr - und wiederum anders als im ersten amerikanischen Free Jazz der 60er, ist dieser frei improvisierte ‚Avantgarde Jazz' stark in Stille und Ausdruck des einzelnen Tones, wie der von populärem Ballast befreiten Harmonien der klaren, aber kaum einfach nachzuvollziehenden Melodiesprache geprägt. So ein ‚Song' kann mittendrin in Stille versanden und nur in zarten Tönen fortlaufen, die überhaupt noch aus den Blasinstrumenten oder den gestrichenen Becken des Schlagzeuges kommen.
Vielleicht ist der improvisative Jazz ein Kind aus Jazz, Neuer Musik und dem, was Henry Cow und in der Folge seine einzelnen Mitarbeiter entwickelten: kein Stilbrei, kein Musikramsch, kein atonaler Müll, sondern die Suche nach einer freien, intelligenten Musik nach allen bekannten Mustern.
"The Trees" scheint genau dieser Idee (in der nächsten Generation) zu sein.

ilkmusic.com
VM





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