MCH Band "Let the light burn down, Katherine"
Jürgen Fuchs/Mikolá Chadima/MCH Band "Tagesnotizen"
(Blackpoint Music 2007)

MCH Band steht für Mikolá Chadima Band. Dieser Name ist ein "ganz Alter" in der tschechischen Rockmusik. In vielen Bands war Chadima aktiv, viele musikalische Felder hat er beackert. Seine Hauptbands waren die Extempore Band, die in der zweiten Hälfte der 70er Jahre Rock, Folkrock, später Punk und New Wave spielten, sowie die MCH Band, die zwischen Avantrock, zappaeskem Progressive Rock und punkiger Attitüde ausdruckstarke Werke schuf. Mikolá Chadima hat einige der wichtigsten Punk-inspirierten Alben der Tschechei komponiert und mit diversen Musikern eingespielt.
Auch als politische Person ist Mikolá Chadima über die Tschechische Republik hinaus ein bekannter Name. Zu Zeiten des Sozialismus, wo Rockmusik, und besonders freie, abstrakte, ehrliche und grenzenlose Rockmusik unterdrückt wurde und der Geheimdienst, in der DDR die Stasi, in der tschechischen Republik die StB, Musiker und ihre Fans massiv unter Druck setzte, ihre Arbeit verbot oder sie gar einsperrte - diese perverse, geisteskranke Zeit, diese beschissene Idiotenherrschaft ist gottlob überwunden - der "Ostblock" hat sich seiner Seuche entledigt. Heute können tschechische, polnische, slowakische, deutsche, egal woher, europäische - alle Rockmusiker, die nicht in sie unterdrückenden, undemokratischen politischen Verhältnissen leben, ihren kreativen, freien Ausdruck uneingeschränkt finden - wenn sie ein Label zur Seite haben, das sie unterstützt, oder schlicht selbst veröffentlichen. Vielleicht ist es heute aus anderen Gründen, kommerziellen, nicht leichter, unangepasste Musik so zu veröffentlichen, dass sie bei den Fans auch ankommt, aber die Verbotsgefahr und die politische Feindschaft des eigenen Staates, und damit die böseste Hürde, sind weggefallen. Wer das erlebt hat, versteht das.
Blackpoint Music hat kürzlich eine 6-CD-Box der MCH Band veröffentlicht. Enthalten sind die originalen Alben sowie etliches Bonusmaterial. Zudem gibt es ein brandneues Album, gerade erst im September 2007 eingespielt. Die Texte der tschechisch gesungenen Songs sind auch in englischer Sprache im Booklet abgedruckt.
Die MCH Band und ihre Gäste spielen melancholischen, dezent von Frank Zappa inspirierten Rock, der in seiner Eigenwilligkeit Jazz und Progressive Rock nahe kommt, aber eigene Werte hat, die eher aus dem Jazzrock leben, typisch europäischer Natur sind und in ihrer intensiven Virtuosität spannend und erregend klingen. Die instrumentalen Ideen sind grandios, der Gesang ist zumeist gedoppelt gesungen. Die tschechische Sprache mag im ersten Moment hart klingen, in diesem instrumentalen Kleid geht sie perfekt auf. Die Texte sind poetisch, abstrakt, melancholisch, märchenhaft, und sicher politisch. Vor allem aber haben sie eindrücklich balladeskes Flair.
Musikalisch ähnlich, aber doch ganz anders klingt "Tagesnotizen". Mikolá Chadima und die MCH Band spielen leise, tief melancholische, partiell elektronisch geprägte, avantgardistische Songs, die nicht nur druckvoll, sondern in ihrer Spannung gefährlich klingen. Die Stille ist wie zum Bersten gespannt; kraftvolle, wilde, aggressive Töne schälen sich aus den Minuten. Ungemein beeindruckend und in den Bann ziehend, was so ungemein düster und dramatisch aus den Boxen quillt.
Die Texte zur Musik hat ein Geistesverwandter von Mikolá Chadima geschaffen. Jürgen Fuchs war einer der unterdrückten, progressiven Poeten in der heute längst beendeten DDR. Er begann als Student, Gedichte zu schreiben, kurze Gedichte, wie Schnipsel nur. Er musste die Universität verlassen, und nachdem er 1976 für Wolf Biermann eingetreten war, wie viele andere Intellektuelle und Künstler in der DDR (wovon die Meisten später unter massiven Druck widerrufen), wurde er verhaftet. 1977 wurde er nach seiner Haftzeit nach "West-Berlin abgeschoben. Doch selbst dort hörte der Druck der Stasi nicht auf. Es gab gar Versuche, ihn und seine zwei Töchter zu vergiften. Seine Verwandten in der DDR wurden schikaniert. Doch er schränkte seine Aktivitäten neben seinem Beruf, Jürgen Fuchs arbeitete als Psychologe, nicht ein. (Heute, fast 19 Jahre nach der politischen Wende in der DDR und den anderen ehemals sozialistischen Staaten, geht viel von der grauenhaften Wirklichkeit des politischen Alltages und der Unterdrückung der Zeit verloren - und Spielfilme helfen nur marginal, sich dem Vergessen entgegenzusetzen, weil ihre Stories zu schlicht, billig und öde sind). Im Mai 1999 starb Jürgen Fuchs an Leukämie. Es gibt Indizien, aber keine Beweise, dass er in der Stasihaft starken Bestrahlungen ausgesetzt war und das perverse System seinen Tod zu verantworten hat.
Die Songs auf "Tagesnotizen" haben deutsche Namen und deutschsprachige Texte. Die kurzen, wie angerissenen Themen sind düster, klingen aber nicht depressiv, sondern sehr poetisch. Sie haben die spröde Kraft des inneren Widerstandes, der eigenen Poesie. In einem Song heißt es schlicht:

"Jetzt bin ich raus, jetzt
Kann ich erzählen
Wie es war"

Die Kraft und Wut dieser wenigen Worte können in ihrer ganzen Tiefe vielleicht nur Menschen verstehen, die Unterdrückung erfahren und als solche verstanden haben.
Der Text ist länger, aussagekräftiger. Aber diese drei Zeilen reichen bereits aus. Die instrumentale Begleitung ist schmaler und zurückhaltender als auf allen anderen Alben der MCH Band - und es gab bereits deutschsprachige Musik der Band, etwa die Avantrock-CD "Es reut mich f". Mal klingt die Musik wie moderne Theatermusik, mal wie Psychedelic Rock, dann wie düsterer Jazzrock oder von Zappa inspiriert, stets sehr eigen und unvergleichlich.
Das 20-minütige "Gorleben" zum Ende der CD klingt wie der Untergang der Menschheit, abstrakt, brachial und dunkel wie Univers Zero, stilistisch jedoch ganz anders. Wie ein Mix aus Avantrock, Punk und Jazzrock. Minimalistisch, aggressiv, hart und einem freien melodischen Aufbau, der abschrecken kann, wenn man derlei finstere Töne, in denen gar Walgesänge zu hören sind, nicht gewohnt ist. Ein grandioser Song, wie die CD, wie beide Alben, wahrhaft starke Kunstwerke, die ich unbedingt empfehlen möchte.
Das Label Black Point Music veröffentlicht eine Fülle progressiver und avantgardistischer Musik, stilistisch ist zwischen Punk, Hardcore, Jazz, Progressive Rock, Folk und Rock alles dabei.

mchband.cz/en/menu.htm
VM



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