Menschensinfonieorchester (Eigenveröffentlichung)

Trotz allen Lärms, den die allgegenwärtige dusselige Popmusik allerorten ungefragt verströmt, trotz aller Eintönigkeit, die davon ausgeht, gibt es immer noch und wieder Musiker, die zu eigener, unabhängiger Musik finden, sei es unter schwierigsten Bedingungen. Das Menschensinfonieorchester ist eine Band, bei der die Schwierigkeiten besondere sind. Das Orchester ist eine Band, die nicht unter gewöhnlichen und gemeinsamen Voraussetzungen entstanden ist. Vielmehr ist das Zustandekommen im Besonderen einem Musiker zu verdanken, der die anderen fand und "aktivierte".


Wer die Geschichte des Menschensinfonieorchesters nachvollziehen mag, sollte sich die GEO 02/04 zulegen oder im Internet unter geo.de/sinfonie nachschauen. Anschaulicher, lebendiger lässt sich das wirkliche, lebendige Märchen nicht ausdrücken. Angefangen hat alles mit dem italienischen Musiker Alessandro Palmitessa, der auf der Suche nach einem Proberaum und nach seinem Studium in Monopoli, Apulien (wo er am Konservatorium sein Diplom als Jazzmusiker abgelegt hatte) nach Köln gereist war, weil er gehört hatte, dass dort gute Musik gemacht wird. Er bekommt nicht nur einen Raum in der Lutherkirche der Kölner Südstadt, sondern wird gleich Kirchenmusiker. Und weil er für die musikalische Umrahmung bei allerlei Anlässen, unter anderem beim örtlichen Obdachlosentreff, sorgt, wo so mancher auch mit einem Instrument im temporären Gepäck auftaucht, entwickeln sich Kontakte. Und tatsächlich kommt es zu mitunter sehr schwierigem gemeinsamem Musizieren. Aus dem Chaos der Proben aber entwickelt sich so etwas wie eine Struktur, Alessandro Palmitessa kann die Fäden anziehen und lösen, auf seine Partner eingehen und sie leiten. Da treffen sich Obdachlose und "ganz normale" Leute, gestrandete und bürgerliche Existenzen. Gemeinsam beginnen sie zu musizieren und über die Zeit entwickelt die Band, das Menschensinfonieorchester, Songs.
Das nur als knappe Kurzfassung der umfangreichen, der liebevoll geschriebenen Geschichte in der GEO.
Neben etlichen Konzerten gibt es ein weiteres Resultat. Das Menschensinfonieorchester hat eine CD eingespielt. 6 Stücke darauf, die von allem etwas haben: Jazz, Rock, kölsches, weltweites. Beeindruckend dabei stets der Gesang von Sänger Jürgen Baack. Jürgen verschlingt Endungen, weicht schon mal von der eigentlichen Melodie ab und wechselt von Hochdeutsch in Kölsch und andersherum. Aber das ist wie Improvisation und macht in diesem Fall nichts, gar nichts aus. Im Gegenteil, die Lebendigkeit und Echtheit, die Jürgen mit seinem Gesang und seinen Texten schafft, sucht seinesgleichen. Da liegt in der Stimme ein riesiger Abfallhaufen Erfahrungen. Und ein ganzer Mensch, der in und nach allen unglaublichen Lebenswidrigkeiten seine Gedanken singt. Das weckt ein Gefühl, das nur von feinster Musik geweckt wird: Gänsehaut kriecht den Rücken hoch!
Die Band braucht sich dahinter nicht zu verstecken. Die ganz eigenen Songs haben Gefühl und Hingabe, Schmackes, Jazz und Rock´n´Roll. Keine eleganten Linien vertont die Band, sondern tief emotionale Strukturen, mal forscher und fröhlicher, oftmals mit leiser Wehmut oder tiefer Melancholie, zuweilen alles auf einmal. Alessandro Palmitessa fügt alles zusammen, sorgt für melodischen Reichtum und straffe Struktur. Die Qualität der Musik hat sich herumgesprochen, selbst ein so namhafter Musiker wie Markus Stockhausen spielt mit dem Menschensinfonieorchester auf der CD. Die unglaubliche Geschichte eines Musikers mit offenem Herzen, der seine Zeit in ein Projekt gesteckt hat und weiter steckt, das andere von vornherein als zum Scheitern verurteilt haben. Die Geschichte eines Orchesters, einer Band, zu der es eigentlich nie gekommen wäre, aber was heißt schon eigentlich. Große Empfehlung für die CD, die einen "Exotenbonus" in keinem Fall nötig hat - und wenn ihr ein angekündigtes Konzert entdeckt, nix wie hin!

VM



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