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Michel Sajrawy "Yathrib" (Ozella Music, VÖ: 05.01.2006)
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Yathrib ist ein anderer Name für die Stadt Medina, ist eine Oase rund 200 Kilometer landeinwärts östlich des Roten Meeres, Heimat arabischer und jüdischer Volksstämme und damit ein Schmelztiegel der Kulturen. Yathrib ist auch der Name des Albums von Michel Sajrawy, der in Israel geboren und aufgewachsen ist, christlicher Araber mit israelischem Pass ist und sich als Palästinenser fühlt. Die Band besteht aus Juden, Moslems und Christen. Aus der Ferne der Tagesschau-Sicht scheint eine solche Zusammenstellung vor dem Hintergrund beinahe täglicher schrecklicher Auseinandersetzungen gar nicht möglich, aber die Band existiert und findet gemeinsam und friedlich zu einem Klang, zu einer Musik. Das allein schon ist bewundernswert und einnehmend.
Die Musik der Band jedoch braucht keinen politischen oder sonstigen Bonus. Die 9 grandiosen Tracks zwischen Jazz, ethnischer Folklore und zarten Rockeinflüssen sprechen für sich. Nach dem kurzen Intro greift der Titeltrack virtuos aus. Michel Sajrawys Spiel auf der akustischen Gitarre läuft die Saiten entlang, wie einst das von John McLaughlin, Paco De Lucia und Al Di Meola auf ihrem grandiosen Live-Album "Friday Night In San Francisco". Aber das ist nur eine Facette des Songs, aller Songs. Neben Sajrawy gehören Valery Lipetz (b), Ameen Atrash (dr) und Darwish Darwish, der jüngst von der Arabischen Oper zum besten Oud-Spieler der arabischen Welt gekürt wurde, zur Band. Diverse Gastmusiker waren in die Einspielung der Songs eingespannt: Leonid Barshtak (vi, va), Ehab Nimer (vi impr), Etamar Doari (shaker, rek), Kayed Silawi (tabla) und Ramzy Bisharat (rek). Eingespielt wurden die Stücke im Dasam Studio in Nazareth.
Für Michel Sajrawy war Musik seit jeher Ausdrucksmittel des allumfassenden Seins und Quelle allen Wissens. Er studierte in Nazareth und London, arbeitet als furioser Gitarrist, Komponist, Produzent und Tontechniker, "dessen musikalische Ambitionen den Jazz des westlichen Kulturkreises mit den "Makamat" des arabischen mittleren Ostens und der Avantgarde Schoenbergs aufs Spannendste versöhnt" (Pressetext).
Seine Mitmusiker bereichern sowohl durch ihre Virtuosität und die Sensibilität ihres Zusammenspiels, als auch durch ihre kulturell konträren Wurzeln die ungemein eindrückliche Präsenz seiner Kompositionen und Arrangements.
Die Band arbeitet die Songs einerseits sehr technisch aus, entwirft spannende und virtuose Instrumentalepen. Auf der anderen Seite sind die Arrangements sehr emotional angelegt, folkloristisch und lyrisch, tief melodisch und sensibel, ohne Hauch von Kitsch oder alltäglichem Worldmusic-Matsch. Sehr eindrücklich zeigt sich das in "Flying Carpet". Virtuoser, melodisch extrem schneller und technischer Jazzrock wechselt sich thematisch mit einem lyrischen, langsamen Folk-Motiv ab. Beide gegensätzlichen emotionalen Parts ergänzen einander wunderbar. In "Four Commandments", das zurückgenommener ist und mehr sphärischen Jazz illuminiert, finden die Folkmotive nur am Rande und im Klang der Instrumente statt, und doch wird auch hier der Kontrast und die Kunst des Zusammenfügens besonders deutlich.
Viel Inspiration gehört dazu, zwischen den Kulturen zu arbeiten. Und viel Sensibilität. Folk, Jazz und Rock werden in den Songs auf "Yathrib" nicht zusammengepappt, das geht nicht. Die Stücke funktionieren, obwohl verschiedene kulturelle Erfahrungen auf sie Einfluss nehmen. Das Ineinander ist nicht aufgesetzt oder "gemacht", sondern gefühlt und erprobt. Die Band hat einen ausdrucksstarken Sound gefunden, der weder die einzelnen Stilmittel vergewaltigt, noch arrangementtechnisch auf Pop getrimmt wurde. "Yathrib" ist ein besonderes Album. Ein intimes Werk von Musikern, die in einem politisch aufgewühlten Land leben, die verschiedenen Glaubensrichtungen angehören, ohne darin Auseinandersetzung zu suchen. Ein eindrücklicher und hinreißender Beweis dafür, dass ein Zusammenleben im Land der Ursprünge so unterschiedlicher Religionen möglich ist.
Unbedingte Empfehlung! "Yathrib" gehört zu meinen ganz persönlichen besten 10 Alben des Jahres 2005 (wenn es auch erst Januar 2006 veröffentlicht wird).
michelsajrawy.com
ozellamusic.com
VM
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