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La Société Des Timides À La Parade Des Oiseaux "Tranches De Temps Jeté" (Beta-Iactam Ring Records, mt074, 2006)
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Pascal Godjikian ist hier wieder von Anfang an - ‚Cuento Blumen' - in seinem Element. Auf Englisch, Spanisch und Deutsch schwitzt er Blumen, um sie den Beach Boys Brian, Carl und Dennis zu streuen. Theatralisch wie eh, exaltiert, eindringlich, ‚art-erroristisch' kräht er "My home is dry / I want it wet" und "I'm counting the flowers for you" und JimB schrappt seine guitare bruitiste so schartig und fies wie am ersten Tag. ‚Cet À-Mort Vibre L'Air', ‚Jeune Fille Devant Le Miroir', ‚L'Intitulé Crème', ‚The Sound of the City seems not to disappear' & ‚Lorsque' heißen die weiteren Stationen, die im aufwändigen Digibag mit dem typisch grotesken STPO-Artwork als Puppentheater illustriert sind. Dazu spielt die Band aus dem bretonischen Rennes einen morbiden, sarkastischen, surrealen Soundtrack, der an Bizarrerie seinesgleichen sucht. Nicht nur eine Trompete weckt Assoziationen an Un Drame Musical Instantané, auch Etron Fous bissiges Narrentum ist allgegenwärtig, jedoch ganz eigenwillig abgewandelt. Ich will damit STPO nicht kleiner machen als sie sind, vielmehr nur verdeutlichen, dass ihre Pataphysik nicht im luftleeren Raum schwebt. Sie ist ästhetisch vernetzt mit ähnlich Einzigartigen, rückwärts mit Dashiell Hedayat/Melmoth, seitwärts mit den bereits Genannten, insbesondere mit den vokalen Manierismen von Han Buhrs (The Schismatics, Nine-Tobs) und J.-J. Birgé, vorwärts aber auch mit Jardin D'Usure.
Godjikian gutturale Zickigkeit spuckt dabei poetische Kopfgeburten aus, die zweifelsfrei beweisen, dass man von den Küssen von Musen doch schwanger wird. Das "ungefilterten Ausdruck von Seelenqualen und ungläubiges Erstaunen angesichts des Zustandes der Welt" zu nennen, ist nicht übertrieben. Vertont sind diese Tiraden so phantasievoll und dramatisch, dass mir die Spucke wegbleibt. Die zauberhafte spieluhrartige Vibraphonpercussion bei ‚Cet À-Mort...' suggeriert perfekt einen romantischen Gothic-Thriller, nur dass zunehmend unbeschreibliche Noiseeffekte so kaskadieren, dass einem schwindlig wird wie in Vertigo. Das ‚Junge Mädchen vor dem Spiegel' probiert anschließend schräg zugeschnittenen JazzNoJazzRock an, der jedoch als Noisedrone unter den Händen sich auflöst. ‚L'Intitulé Crème' beginnt als funky NoWave, nur dass der Funk bald über eines seiner drei Beine stolpert, vergeblich nach dem verlorenen Groove Ausschau hält und statt dessen mit einem überzwerchen Takt nach Hause hinkt. ‚The Sound of the City' mischt Gitarrenfeedback mit schrillem Gehupe und dann geht das urbane Lärmfeld erst richtig aus den Fugen. JimB versucht der Vogelparade einen Weg mit der Gitarrenmachete zu hacken, aber diese Stadt ist ein Labyrinth aus Dead Ends. Und selbst wenn man zu guter Letzt die benebelten, mondstichigen Lyrics von ‚Lorsque', von Godjikian total forciert gekrächzt oder mit Kopfstimme gesäuselt, ebenso wenig durchschaut wie alles, was er zuvor gesungen hat, so wird man mitgerissen vom Gitarren-Trompeten-Groove, vorbei an ‚wilden Baugerüsten' und ‚fröstelnden Rosen'. Nur der urige Bass ankert noch in abyssaler Tiefe, die Gitarre blinkt Notsignale durch Nebelfetzen. Alle Arrangements sind so ausgefeilt wie punk-infizierte Metaavantgarde nur sein kann. Fazit: STPO gehört neben DDAA, Etron Fou, Magma, Marcœur, Tazartes, Berrocal und Un Drame Musical Instantané, trotz des nur schmalen Œuvres, zum Originellsten, was Frankreich musikalisch zu bieten hat.
blrrecords.com
rbd / bad alchemy
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