Supersilent "9" (rune grammofon, VÖ: 04.12.2009)

Zum Trio geschrumpft, Schlagzeuger Jarle Vespestad hat die unaufgeregt harsch leise Band vor den Aufnahmesessions zum neunten Album nach 12 Jahren verlassen - ursprünglich war er bereits 1989 an der Gründung der vor Supersilent tätigen Urband, was drei dieser Musiker betrifft, namens Veslefrekk beteiligt und ist seit 20 Jahren im Feld avantgardistischer Musik zwischen Electronic, Rock, Jazz und Neuer Musik aktiv - sind nun Helge Sten, Ståle Storløkken und Arve Henriksen, alle drei spielen Hammond Orgel, in der Band verblieben. Der Sound wirkt inniger, versponnener, nicht weniger düster und verschachtelt; psychedelisch, alptraumartig ohne Alp mit Beklemmung, wohlig-schauriger Beklemmung, wie dies der schweren Lust der Melancholie inne wohnt, wie ein unverdrossener Schmetterling im baren Sonnenschein inmitten einer tödlichen Schlacht.
Keines der Supersilent Alben klingt wie das andere, es gibt keinen Stil, die Band daran festzumachen, keine herkömmlichen Begriffe oder stilistischen Merkmale, die Band mit einem Wort zu beschreiben. Ihre Konzerte sind wie die Studiosessions Momentaufnahmen, nicht wiederholbar, nicht reproduzierbar, ganz aus dem Augenblick geboren. Die Band spricht sich vor den Aufnahmesessions nicht ab, legt ihren "Songs" keine Themen zu Grunde oder kümmert sich um irgendetwas. Sie treffen sich, die Tür zum Studio wird geschlossen, Instrumente und Aufnahme laufen - Start.
Was das Hammondorgel-Trio in den 4 überlangen Tracks auf "9" spielt, ist wohl das Avantgardistischste und Freieste, was die Band jemals kreiert hat. Vor Jahren sah ich sie auf dem Jazz Festival in Moers, unvorbereitet lauschte ich dem seltsamen Mysterium ihrer Klänge.
Ihre Songs haben keine vordergründig melodische Struktur, wirken wie der Film, dessen Musik sie zugleich sind. Töne, Harmonien, Klänge, was das Trio spielt und wie es sich zueinander formt, ist pure Phantasie, die Band selbst wird wohl jeden Moment seiner Kreativität genießen und nachher vergnügt hören, was sie da für unwillkürliche, gewiss gar humorvolle Töne geschaffen hat, was da so passiert ist und was dabei herausgekommen ist. Wenn die Minuten der Tracks warm werden, kann es durchaus passieren, dass die Band zu Tempo und Lautstärke findet. Ein Organist prägt den geradezu humorvoll abstrakten, abgefahren coolen (um den Nachwuchs zu rezitieren), schrägen Sound, der nebenher in der Küche spät nachts urige Atmosphäre aufkommen lässt oder am dunklen Novemberabend für gespensterhaft wohlige Weltraumillumination sorgt.
Es dröhnt, röhrt, fiept und zirpt. Ein Organist im Vordergrund wie ein Schiffsmotor, der sich mit seinen Schrauben unterhält, im Hintergrund die beiden anderen, die für die Harmonisierung und Destruktion stehen, wissenschaftlich komische Sphären aufmachen und den Zuhörer mit offenem Mund staunen lassen.
Die 4 Tracks machen 50 Minuten voll, in denen die Boxen heikle Klangaufträge zu erledigen haben, der Boden darunter für taktile Reize sorgt und die personelle Umgebung ganz nach Empfinden entweder ablehnendes Kopfschütteln beiträgt, oder sich genüsslich daneben hinhaut und nix tut als lauschen.
Letzteres ist zu empfehlen.

supersilence.net
runegrammofon.com
VM



Zurück