The Pyramidis Project "Emotional Distances" (Pyramidis Audio 2015)


Vorsicht! Der Auftakt des fast 7 Minuten langen, lyrisch fließenden "Emotions" beginnt mit einer harschen Herausforderung für die Lautsprecherboxen. Als breche das 49:26 Minuten lange und 11 Tracks umfassende Album aus dem Krach des Mainstreams in seine eigene Sphäre. Mario Buchinger (voc, sound prog, g, hammond org, dr prog, dr, keys, etc.), der mit computerveränderter Stimme singt, beginnt sein Album, dass er unter Mithilfe einiger weiter Musiker selbst komponierte, produzierte und mixte, mit einer treffenden Textzeile: "humans are the most hazardous creatures on this planet" und führt dies auf "Emotional Distances" zurück, endet aber hoffnungsvoll: "logic is the beginning of all wisdom, not the end".
Darum fließen ambient markige Sounds, die später von dezent kraftvollem Rhythmus unterhoben werden. Der Ambient-Sound ist nicht kitschig oder melodisch fad, sondern eindrucksvoll und angenehm eingängig.
Der zweite Track "Distances", 5 Minuten laufend, schließt sich nahtlos an und ist Ambient Electronic in beinahe Metal-straffem Arrangement - die dezent eingesetzten Gitarrenriffs, das straighte Schlagzeug, die hymnenhafte Bombast-Epik der Tasten darüber und schließlich das Gitarrensolo. Von Progressive Rock ist das weit entfernt, und doch hat der Song eine gefühlte Nähe dazu.
Ambient Electronic in epischer Lyrik und entspannt fließender Atmosphäre mit, in seiner Leichtigkeit, partieller Nähe zu Dance und ebenso, in seiner ansprechenden und eingängigen Tiefe, zu anspruchsvoller Electronic schließt sich an. Nachdem die beiden ersten Stücke aus dem sphärischen Schweben der elektronischen Sounds schließlich in einen ersten dynamischen Höhepunkt mit Gitarrensolo gipfelten, das zwar nicht direkt an Pink Floyd erinnert, aber die inspirative Nähe des Komponisten verrät, folgen kurze poppige Vokalstücke und tiefer gehende Instrumentaltracks. Die Rhythmusmaschine bleibt dabei überwiegend straight, lebhaft getrieben, ohne emotionale Schübe mit Komplexität zu unterstützten, gerade im Rhythmus ist die Popnähe, leider gar in 4/4, zu sehen.
Zum liedhaften Popsong "Far From Home" gibt es einen stilistischen wie gefühlten Bruch, der nach dem verträumten Auftakt forsche Takte ansetzt und mit gedoppeltem Gesang an eine Mischung aus simplen Melodicrock und floydigem Poprock erinnert. Da sind - immer wieder einmal - recht deutliche Bezüge auf das einst erfolgreiche Ambient/Pop-Projekt Enigma zu finden. Insgesamt geht Mario Buchinger mit The Pyramidis Project in eine ähnliche Richtung, die genau betrachtet natürlich deutliche Unterschiede aufweist, aber das gleiche Publikum ansprechen kann, wenn der Zeitgeist auch weitergereist ist, das Pyramidis Project nicht so ungemein massenkompatibel und weniger popbetont arbeitet und die tendenzielle Nähe zur sanftesten, ambientesten Pink Floyd - Ära zu gegebener Zeit aufblitzt.
Die instrumentalen Stücke in ihrer eleganten Lässigkeit gefallen mir weitaus besser als die eher songorientierten Gesangsstücke, wobei "Treachery", "Mistreated" und "White Swan" in ihrer weichen Melodiesprache sogar zum Schlager tendieren. Instrumentale Stücke wie "Crossing Bosporus" oder "Oernskoeldsvik" können als Fernsehpausenhintergrundmusik funktionieren, ohne dass empfindliche Menschen mehr als Kuscheln hören. Vielleicht bis auf die Gitarrensoli. Eindeutiger Höhepunkt des Albums nach dem Doppelintro ist das zweiteilige "Secrets Of Ocean Life" im Mittelpunkt des Albums. Hier fließt die ambiente Lyrik in starker elektronischer Ausarbeitung am dichtesten. Die "Coda" am Ende des Albums setzt auf akustische Gitarre statt auf Electronic, was einen unerwarteten Ausgang gibt. Klingt, als würde das Projekt fortgesetzt.

pyramidis.net
VM



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