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Ute Völker "anthrazit" (Free Elephant 2006)
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Das Akkordeon ist landläufig aus der Volksmusik, die im kulturell eher konservativen und stumpfen Deutschland en gros zur leichten Muse tendiert, vielleicht noch vom französischen Chanson, wo es deutlichere Akzente setzt, bekannt. Die Amerikaner Hamster Theatre setzen das Akkordeon im avantgardistischen Rock/Folk ein, einige Jazzmusiker spielen das Instrument. Im argentinischen Tango wie in der italienischen Volksmusik hat das Bandoneon einen breiten Spielraum. Gewiss gibt es viele weitere Gebiete, in denen die "Quietschorgel" (auch "Schifferklavier"), die nicht leicht zu spielen ist, eingesetzt wird.
Ute Völker gibt dem Instrument einen ganz anderen Klangrahmen. Die 12 Tracks auf "anthrazit" sind freie Improvisationen, weder stilistisch noch in der Spielweise irgendwie angedockt an herkömmliche oder ausgefallene Stilarten, ganz auf Intention und Spielqualität Ute Völkers aufgebaut.
Das klingt mal berauschend groß wie eine Kirchenorgel, bei der alle Register gezogen worden sind (bis auf die Bassregister). Überhaupt liebt Ute Völker den Klang vieler Töne und spielt selten leise Motive auf Basis weniger Töne. Die melodische Seite ist sehr abstrakt und wird vor allem Jazzfans begeistern, die derart aus dem Modern Jazz bis Free Jazz kennen. Einige Harmonien sind von einem sehr abstrakten und "schrägen" Ausdruck, dass zu wünschen ist, ein großes Publikum würde diese Stücke aufmerksam hören und annehmen. Und das hat mal die Düsternis von Univers Zero, die Wildheit von Present oder King Crimson (um mal im Rockkontext zu vergleichen), hat verspielte Momente, die nicht vergleichbar sind, wie etwa das 10. Stück "Magnit", und nur vom abwechselnden Klang verschiedener tiefer Töne leben. Wie ein Schiffssirenenorchester in einem melancholischen Traum, das weit vorm Ufer liegt und mit fettem, bräsigem Klang die Bauchmuskeln wohlig anregt.
Die Anfangsharmonie von "Obsidian" ist mir zu herkömmlich, doch wie das Motiv sich aufspaltet und disharmonische Töne nebeneinander auf Augenhöhe hält, ist klasse. Die rhythmische Nuanciertheit von "Gabbro" in der monotonen Harmonie ist beeindruckend, die lässige Gleichgültigkeit von "Bleiglanz" ausgezeichnet ausgedrückt, doch vor allem "Syenit" begeistert mich, seine Leidenschaftlichkeit und harmonisch weite Melodik. Das abschließende "Graphit" dröhnt mit voller Harmonik, hat Ute Völker dabei die Hände voll auf die Knöpfe gelegt und die Tastatur mit dem Unterarm gespielt? Ein Orkan an Tönen, der aus dem Instrument quillt und den Hörsinn fordert!
Wer Akkordeon nicht mag, wird "anthrazit" noch weniger mögen. Vorsicht für Fans des Instrumentes: herkömmliche Spielweise gibt es hier nicht. Ute Völker hat ein exzellentes Gespür für eindrucksvolle Disharmonien, spielt ihr Instrument lebhaft und teilweise wild und technisch und sensitiv ungezähmt, das wird Avantgarde-Interessierte umhauen, die es nicht ungewöhnlich und schräg genug bekommen können, ohne dabei qualitative Abstriche machen zu müssen.
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VM
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