Ellen Weller "Spirits, Little Dreams, And Improvisations" (Circumvention Music 2004)

Sind Frauen die besseren Musiker? Nun, vielleicht die einfühlsameren, sensibleren. Ellen Weller präsentiert sich mit einer illustren (männlichen) Musikerschar zur gemeinsamen Improvisation. Stilistisch ist "Spirits, Little Dreams, And Improvisations" irgendwo zwischen Neuer Musik, Avant Jazz und Free Form angesiedelt, von einer Spur Klezmer durchzogen. Das große Ensemble der 11 Musiker teilt sich in 4 Bläser, 3 Bassisten, 2 Perkussionisten, einem Schlagzeuger/Pianisten und einem zweiten Schlagzeuger. Ellen Weller (Flöte, Saxophon, Klarinette, etc.) veröffentlicht mit diesem Circumvention Release ihr erstes Album als Ensemble-Leiterin und beweist von Beginn an einen kühlen Kopf, eine feste Hand, ungemein viel Phantasie und grenzenloses Stil-Bewußtsein. Zumeist ist improvisative Musik aus dem Jazz-Umfeld sperrig und schwer zugänglich, zumindest für ungeübte Hörer. Doch Ellen Weller erleichtert potentiellen Hörern den Zugang, ohne den Freaks der Improvisations-Schule den Genuss zu verderben. Zuerst einmal liegt das an der phantasievollen Art des gemeinsamen Spiels. Insgesamt jedoch an Ellen Wellers dramaturgischer Führung, ihrem sensitiven Spiel, dem sich die männlichen Instrumentalisten mutig anschließen.
Die Facetten sind vielfältig, die Kaskade wunderbarer Ideen schier endlos. Die 17 Songs in 74 Minuten sind ein spannendes tonales Werk abstrakter musikalischer Ideen, von Musikern eingespielt, die mit ihren Instrumenten verschmolzen und zu so wenig und so leisem Spiel fähig waren, dass in seltenen Momenten gar ein Grundrauschen zu hören ist, das nicht als Störung anklingt, sondern wie der Soundtrack der Natur wirkt. Alles schläft und doch fließen immer noch industrielle und andere Zivilisationsgeräusche durch Stadt und Flur. Darüber ein verträumt spinnendes Piano, eine illustre Basslinie, eine kratzige Posaune - und plötzlich ein fetter Rhythmus und die aktiv aufbrechende Band mit Blues und Leidenschaft, um nach langem, emotional aufgeregtem Spiel zu erneuter Stille zusammenzubrechen. Grandios!
Die rhythmische Seite der Improvisationen wird selten über konkrete Rhythmen mit Schlagzeug illustriert. Vieler Art Perkussion, nicht nur von Perkussionsinstrumenten, eher Geräusch als wirklicher Rhythmus, ist hier zu hören. Der volle Ensembleklang ist eine Rarität, die einzelnen Instrumente, Duos und Trios bekommen weiten Raum. Da spielt eine Flöte auf "Geräusch"-Perkussion ein harmonisches Motiv, während Klarinette, Electronics (Marcos Fernandes) und andere "Instrumente" den Klangraum mit dezenten Disharmonien ausstreuen. Über aller markanten Disharmonie, die hier stattfindet, leuchtet eine große, tonwarme, melodische Harmonie. Ein Impuls, der aus Klezmer sprudelt und fröhliche/traurige Schwingungen gebiert, Jazz zerstückelt und stets sehr persönliche Töne erschafft.
Man kann sich diesem Album sicherlich mit intellektuellem Kalkül, aber ebenso mit emotionaler Aufgeschlossenheit nähern. Und wer sich "eingehört" hat in die improvisative Welt der Ellen Weller, entdeckt irgendwann die Komik, den Humor, die Sensibilität und Verschmitztheit der Musikerin, und ihr Gespür für tiefgehende Musik.

circumventionmusic.com
VM



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