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Zappanale 22 vom 19. bis 21.08.2011
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Das Sonnenfenster des Regensommers - Lesson Number Twentytwo
Mensch, dieser Sommer! April - April - April! Das Sonnenfenster des Regensommers lag genau richtig, wenn am Freitagabend auch Konzerte auf spätere Termine verschoben wurden, auf Grund des heftigen Sturmes. Das Festival hatte damit Anlaufschwierigkeiten, die gut gemeistert wurden, sich anschließende großartige Shows stellten dieses Windloch zuletzt in den Schatten. Der Sturm kam nicht wieder. Sonnabend und Sonntag herrschte schönster Sonnenschein.
Schon am Mittwoch gab es erste Konzerte, spielte sich das Festival ein. Mit "Hot Fur" war das erste Mal eine Band aus Israel auf der Zappanale, "Oozin Goo" donnerten ihren keyboardtonnenschweren Progressive Rock'n'Roll ins verdatterte Auditorium. Fritz Rau hatte auf Grund eines Todesfalles in der Familie absagen müssen, aber im Bad Doberaner Kamp Kino und auf dem Festivalgelände liefen alle anderen geplanten ‚Extra Events'. Donnerstag standen "Zappnoise" aus Stralsund auf der kleinen Bühne, und trotz einiger Programm-Änderungen kamen sie alle dran: "SoundSchleuder", "Evil Dick", "Tonlast", "Die Reise".
Freitag um 13:00 Uhr war Jim Cohen - Zeit, der stete Zappanale-Conferencier und erfrischende Zappatexterläuterer könnte eine Fernsehshow machen, das Zeug dazu hat er. Und stiege er am Sonnabend um 13:00 auf die Bühne des Kamp Theaters, so hätte mehr Festivalpublikum die Chance, seine bildreichen, verblüffenden Ausführungen zu genießen.
Der niederländische Journalist Co de Kloet hat nicht nur eine eigene 24-Stunden-Sendung, er hat mehrfach Frank Zappa, Captain Beefheart und Musiker der Mothers of Invention interviewt und Interviews in seiner Radiosendung ausgestrahlt ("Supplement"), Donnerstag Abend hatte er viel Zeit, darüber (und mehr) zu berichten.
Parallel zum Festival gab es in Bad Doberan am Markt 3 wieder interessante und unbedingt sehenswerte Ausstellungen. Zu sehen waren Arbeiten des deutschen Malers Lothar Taube, des Österreichers Helmut King - alter Bekannter der Zappanale, Carlos Zerpa aus Venezuela und des allseits wohl bekannten Cal Schenkel.
Ab Freitagmittag auf dem Festivalgelände das Beste: Musik. Terence Hansen und "The Yellow Snow Crystal" spielten ihre Sets, danach hatte der heftige Sturm das Sagen. Die Festivallaune ließ sich kaum jemand verderben und siehe da - am späteren Abend ließ das Lüftchen nach und die Bühnen wurden wieder bespielt. Zuerst gab Essra Mohawk ein zu ausgedehntes Konzert. Die von FZ als ‚Uncle Meat' bezeichnete Dame war einst die erste und einzige Mother. Auf der Zappanale spielte sie überwiegend liedhafte Songs und Blues. Als sie begann, ihren einstigen Chef zu covern, kam Bewegung in das Publikum, das kaum erwarten konnte, endlich ‚seinen' Zappa zu hören.
Doctor Nerve aus New York, die über das Kickstarter-Projekt ‚Send Dr. Nerve to the Zappanale' angereist waren (youtube.com/watch?v=g0uwX441t8Q), fielen um 17 Uhr aus, meinten aber, auch nachts um zwei Uhr zu spielen, was sie auch taten, aber vor relativ wenig Publikum, der Anreisetag hatte das Gros der Meute früher ins Bett geschickt. Am folgenden Tag gaben die Avantgardisten um Nick Didkowsky auf der Truck Stage, der kleinen Bühne, ein zweites Konzert, und endlich konnte das ausgeruhte Publikum das krass verrückte Programm der Free Jazz Metal Freaks entzückt genießen. Leider gab es eine fast vollständige Überschneidung mit "Jono El Grande" auf der Main Stage, dessen zappaeske Eigenkompositionen nur unbedingt zu empfehlen sind (nicht weniger als Doctor Nerve!).
Und: am Freitagabend war nach Essra Mohawk, die mit dem extravaganten Künstler Sandro Oliva auf der Bühne stand, nicht Schluss! Njet. Project/Object des begnadeten André Cholmondeley gab ein grandioses Zappa-Set. Mit dabei: Ike Willis und Ray White. Wer von denen, die mit Zappa spielten, stand noch auf der Bühne: Robert Martin. Zudem Chris Oppermann, der selbst bereits einige Alben unter eigenem Namen veröffentlichte, am Sonntag mit eigenem Set auf der Bühne stand, begnadeter Komponist ist.
Jono El Grande spielten am Sonnabend auf der Main Stage, wie gesagt, zeitgleich mit dem zweiten Set von Dr. Nerve (Truck Stage). Ihr erfrischendes Konzert rasanter Songs war nach The Vegetarians, die Progressive Rock frei nach Schnauze coverten und dabei viel Spaß und seltsame Plattheit bewiesen, DIE Steigerung des Tages, der noch ein paar weitere folgen sollten. So interessant das weitere Geschehen auf der kleinen Bühne auch sein sollte, auf der Hauptbühne schlug nun ein großer Act den nächsten. Die Schweizer Fido Plays Zappa haben nicht nur mit Yolks Schlagzeuger Remy Sträuli, Stef Strittmatter (g) und Oli Friedli (p) geniale Musiker im Line-Up. Ihre Zappa-Coverversionen machten erstklassigen Eindruck, zudem hatten sie die richtige "Rampensau" (Pardon!) vorn am Bühnenrand, Dave Muscheidt ("Prog-Nerd") ist für seine Position unheimlich begabt!
Colosseum im Anschluss: das dies noch zu erleben war! Die alten Hasen haben Rockgeschichte geschrieben, in dieser Band, zahllos weiteren, und zudem ein Jeder auf seine Weise. Die großartige Barbara Thompson ersetzt Dick Heckstall-Smith (R.I.P.) wundersam und die alten Herrschaften, so betagt sie aussehen, ROCKEN ungemein. Chef Jon Hiseman spielte (wie stets) ein bretthartes Schlagzeugsolo, als bewerbe er sich bei Metallica. Und hier und da waren ein paar Tränen in bewegten Altrockergesichtern zu entdecken…
Raoul Petite, in Frankreich eine Institution, in Deutschland nahezu unbekannt, musste gesehen werden. Ihr Konzertreigen setzte voll auf Show. Partytime! Allerlei Popmusikstile machten miteinander: Reggae, Ska, Rock, Pop, Jazz, Metal, Folk. Die Damen und Herren zogen sich ständig um und präsentierten pausenlos abgedrehte Schräglagenparodien. Vor allem: lustig!
Ganz anders Lazuli am Ende des Konzerttages. Der epische Breitwandsound der runderneuerten Band donnerte gewaltig in die begeisterte Meute. Sänger Dominique Leonetti sagte die Songs, vom Zettel ablesend, in deutscher Sprache an. Nett. Bis in den frühen Morgen hinein spielten sie Song auf Song und das Auditorium vor der Bühne wurde nicht kleiner. Begeisterung bis zum späten Ende.
Wie sollte der Sonntag das toppen können? Zuerst einmal stand Gary Lucas mit akustischem Soloprogramm auf der Bühne, später auf der Truck Stage ein weiteres Mal. Der "Gitarrenheld des denkenden Menschen" spielte Blues und verspielte Skalen auf ganz unnachahmliche Weise und nicht wenige im Publikum erinnerten sich dabei an Captain Beefheart…
"Evil Dick" bewies einmal mehr die Vielseitigkeit des Programms. Die (klar doch) ungewöhnliche Band sitzt irgendwo zwischen Jazz, Neuer Musik und Boogie. Im Anschluss gab es den politischen Faktor. Die tschechische Band "The Plastic People Of The Universe" waren zu kommunistischen Zeiten mehr verboten als erlaubt, gaben Konzerte in Privatwohnungen (!), sammelten die intellektuelle Elite um sich (u.a. Vaclav Havel) und veröffentlichten mit eher schlechtem Sound ausgestattete Kassetten, die nun längst auf CD zu haben sind und vor allem beweisen, das Geschichte sich nicht wiederholen lässt. Ihr Programm war eingängig und liedhaft, ähnlich schlicht wie das von Essra Mohawk am Freitag. Zeit zum Entspannen.
Chris Oppermann kam ENDLICH am Sonntag um 16 Uhr auf die Bühne. Mit Project/Object als Begleitband spielte der erstklassige Komponist, der zwischen den musikalischen Welten lebt, Rock, Jazz, Pop und Klassik auf eigene, progressive Weise erdenkt und schreibt, neue Versionen von Songs besonders seines ersten Albums "Oppy Music Vol. 1" und des aktuellen Werkes "The Lionheart". Vertrackte Musik! Oppy ist kein Bühnenmensch, und doch, nicht zuletzt mit der großartigen Hilfe der Band um André Cholmondeley, war die Magie seiner Arbeit intensiv zu spüren.
Die folgende Umbaupause war lang. Und noch der Soundcheck des Geigers klang gewöhnungsbedürftig. Doch als das Konzert startete, brachen alle Dämme. Eddie Jobson bewies Lockerheit und Humor, die anfängliche (britische) Steifheit fiel von ihm ab, die Band zelebrierte (ZELEBRIERTE!) Progressive Rock vom Feinsten. Klassiker von UK waren zu hören und Eddie Jobson spielte seine Geige, dass sie klang wie ultraharte Gitarre. Marco Minnemann am Schlagzeug (noch so ein extravagantes Schlagzeugsolo: niemand kann Schlagzeugsoli leiden und doch war das Auditorium begeistert und ging in seiner frischen, lockeren Performance mit) hatte sich Bruford (UK) intensiv angehört und in seinen Stil übersetzt, der Sänger klang wie John Wetton, ach was, totale Begeisterung, nicht zuletzt mit King Crimsons "Red", und Gitarrist Alex Machacek war stets göttlich. Sie holten großartige Klassiker auf die Bühne, Gänsehaut wanderte über entzückte Haut. Damit nicht genug, längst nicht. Das ungemein kurzweilige Konzert fand seine weitere Dimension, als Ike Willis und Ray White zur Band stießen und alle zusammen Zappa intonierten. Eddie Jobson blieb locker, als Project/Object Chef André Cholmondeley den Zappa gab und Band wie Publikum dirigierte, da waren schon Chris Oppermann und seine Geigerin (!) on stage und lange, lange lief die Show, die viel zu schnell zu Ende ging.
Damit aber nicht das Festival. Auf der kleinen Bühne, der Truck Stage, war nicht Schluss. Und richtig: was ist mit der Hausband der Zappanale, dem Jazzprojekt Hundehagen? Bislang waren sie nicht zu hören gewesen, nur Gitarrist-Zwilling Käckenmeister war während Chris Oppermanns Konzert als kurzzeitiger Gast während eines Zappa-Stückes auf der Main Stage gewesen. Doch da waren sie nun: zu viert, ohne Geiger, Jazz-Rock-Jam in Gluthitze, und wie es schien, so anlockend, dass Ike Willis, Eddie Jobson und … zu ihnen auf die magere Bühne stapften und wie im Fieber weiter machten. Dann stiegen die Sterne zum Himmel auf.
2011 wurden im Vorverkauf weniger Karten verkauft als in den Vorjahren, ob der Dauerregen potentielle Festivalbesucher verschreckt hatte, ist müßig anzunehmen. Eddie Jobson sprach auf der Bühne davon, dass er das erste Mal seit über 30 (!) Jahren wieder in Deutschland spielte - das konnte nur auf der Zappanale sein! Im Nachgang erklärte Jon Hiseman, Schlagzeuger und Chef von Colosseum, dass die Band nicht mehr auf Tour gehen würde. Seine Frau und Saxophonistin Barbara Thompson ist an Parkinson erkrankt, was die - in Ehren alt gewordene - Band in den Ruhestand führt. Das Konzert auf der Zappanale 22 im Jahr 2011 war das letzte der Band überhaupt.
Und zuletzt: der Countdown lief an: noch 364 Tage…
Jawohl, Zappanale! Endlich wieder hier. Alles ist wie immer, alles ist gut, aber etwas fehlt bei unserer Ankunft am Freitag. Genau, die verheißungsvollen Klangfetzen, die von der Bühne herüberwabern und dich ungeduldig herüberlinsen lassen. Umbaupause? Nein, alle Bands bis auf weiteres abgesagt. Bah-dumm. Wegen der Bühne, wegen Wind, Regen, der Technik, ich will es gar nicht wissen. Naja egal, das wird noch! Vielleicht… Es beginnt zu regnen, immer wieder, mal stark, mal nicht.
Ben Watson und Jim Cohen retten die Stimmung mit Watsons Quiz über Zappa-Zitate - oder versuchen es zumindest. Denn von hier und dort hört man doch Gemurre, vor allem über das Wetter - wie schon den ganzen Sommer lang. Schade daran ist eigentlich nur, dass es kaum Mücken gibt, über die man sich zusätzlich beschweren kann. Und so hören die meisten bald wieder auf, zumal die Konzerte trotz aller Unkenrufe mit etwas Verspätung doch noch beginnen.
Dennoch scheint die Hochstimmung sich noch ein bisschen zu verstecken, wurden doch alle Acts nach hinten verschoben. Bands, die eigentlich am frühen Nachmittag spielen sollten, treten nun zur besten ‚Sendezeit' auf und die Hauptacts lassen lange auf sich warten. Gefühlte drei Stunden Essra Mohawk vermögen mich nicht zu überzeugen, Respekt hin oder her. Und auch, obwohl sie, wie man munkelt, Zappa sehr nahe (zu nahe) gestanden haben soll, wirklich näher fühlen wir uns ihm hinterher nicht.
Und schade - Project Object verlieren nach harten Kämpfen gegen die Freitagabendmattigkeit. Man hört war zu und das, was man hört, ist wunderbar, ist Zappa in Bestform, ist Zappanale in Reinform… Aber das, was man nicht mehr hört, weil man mit einem Ohr schon am Kissen horcht, ist weitaus größer und bleibt in Erinnerung als fader Geschmack einer verpassten Gelegenheit.
Nächster Morgen,ein Vormittag Festivalleben, Sehen und Gesehenwerden. So langsam erkennt man die Wiederholungstäter - Oh, guck mal, der ist auch wieder dabei! Aber auch viele neue Gesichter, andere Facetten und vor allem so wahnsinnig viele junge Leute. Kleine Kinder mit Ohrenschützern, junge, liebevolle Punk-Eltern, Dreadhead-Hannes aus dem Nordschwarzwald, der Metmann natürlich und so viele andere, in Gedanken ein großes Hallo.
Radau mit Soundschleuder. Auf riesigen Instrumenten aus Schrott starten sie ein Perkussionsfeuerwerk aus Polyrhythmen und Stocksplittern. Wie die Blue Man Group - nur besser, unprätentiöser, ursprünglicher und ohne nerviges Farbenmatschen. Zum Schluss steht die Hälfte der Zuschauer an den Instrumenten und schlägt gemeinsam den Schrott zu Schrott. Obwohl nicht ohne Rhythmusgefühl, sehe ich mich doch zuweilen ohne Sinn und Verstand auf das ‚Instrument' eindreschen - ist doch schwieriger, als es aussieht.
Und eine weitere Neuerung: ein Stand für Airbrush-Tattoos. Lebensmittelfarbe, garantiert ohne Henna, in spätestens 9 Tagen verschwunden. Klingt gut! Da wundert es kaum, dass nach kurzer Zeit hunderte Körperteile mit Zappa-Bärten, Zappa-Porträts, Tribals und anderem Schnickschnack bepflastert sind.
‚Mittags' Doctor Nerve. Gestern Abend habe ich sie verpasst, das soll jetzt nachgeholt werden. Und jawohl, das geht ins Blut. Rhythmisch vertrackt, satter Bläsersound, herrliche Dissonanzen, randalierende Töne, deftige Witze über Schweden (oder waren es Süßigkeiten?) und ein überglücklicher Charlie. Panzerballett mit mehr Big Band und mit noch mehr Avantgarde - gibt es etwas Schöneres?
Und - oh, Mann - kollossales Colosseum! Was ignorantes Jungvolk nach Doctor Nerve zunächst als zu straight abtut, entpuppt sich als exakte, treibende, respekteinflößende Jazzrockdemonstration. Da stehen über 50 Jahre Rockgeschichte auf der Bühne und zeigen, was Professionalität ist, was Hingebung, was Zeitlosigkeit. Und diese unglaublichen Saxophonsoli von Barbara Thompson: Gefühlvoll, verträumt, melancholisch, kraftvoll, wütend und wunderschön. Was für eine Frau!
Doch es wird wohl ihr letztes Konzert gewesen sein. Verdammt sei Barbaras Parkinson, verdammt Morbus Bechterew und all die anderen Leiden, die der Band nicht erspart bleiben. Und doch - ich habe Colosseum noch live erlebt, ich war dabei.
Und es gibt keine Ruhepause: Raoul Petite. Immer diese Franzosen! Kaum ist man von der Bühne weg, weil die nächste Band ganz bestimmt nicht so toll wird, drängt man auch schon wieder dorthin. Und woah, was für eine Bühnenshow! WAS - FÜR - EINE - SHOW! So was habe ich noch nicht erlebt: Die ganze Bühne ist ein brodelnder Kochtopf, gefüllt mit Liebesperlen. Jedes Bandmitglied zuckt im eigenen Rhythmus, springt wild gestikulierend, schauspielernd, singend, spielend über die Bühne. Als Frauen verkleidete Schlagzeuger wie letztes Jahr bei Sebkha Chott? Pah!, wie lahm. Männer in Frauenkleidern sind das mindeste, das dezenteste, etwas, worauf sich das Auge ausruht. Zu jedem Song erscheinen Frontmann Christian 'Carton' Picard und seine Gefährtinnen Juliette Masse und Cathy Casy in komplett neuen Kostümen und ziehen eine Show ab, die sich manches Varieté als Lehrfilm archivieren sollte. Hier Schattenspiel, Fesseln und SM, dort der Teufel, dann die heißen Krankenschwestern, Steinzeitmenschen, Astronautenantennen und Spacerock, jedes Bild eindeutig, kraftvoll und teilweise so herrlich klischeehaft, dass es vor Ironie strotzt. Ja, bei manchen Gesten ist man froh, den französischen Text nicht einwandfrei zu verstehen und ja, wenn Brüste plötzlich nur noch mit hautfarbenem Klebestreifen ‚bedeckt' sind, scheint das Publikum zu zögern: "Darf ich jetzt applaudieren oder ist das zu schlüpfrig?". Aber dennoch, ein Blick hinter sich ins Publikum verrät alles: leuchtende Augen und ein breites Grinsen in jedem Gesicht.
Doch das ist längst nicht alles: Das Publikum wird im Rausch der Party mit Sekt geduscht, mit Sahnetorten beworfen - und aufgefordert, sie zurückzuwerfen; mit Künstlern beworfen - und aufgefordert, sie wohlbehalten zurückzuwerfen (hat nicht ganz geklappt.) und durch die eindringlichen Rhythmen fast zum Tanzen GEZWUNGEN. Egal welcher Couleur, ob Metal, Rock, Funk, Electro-Beats oder Reggae, bei jedem Song zucken unwillkürlich die Füße, wippt der Kopf, bis man nachgibt - und tanzt.
Mein absoluter Hingucker: Cathy Casy. Wie gebannt wird jede Bewegung verfolgt. Welch ein Flitzebogen, ein Gummiball, ein Wirbeln, ein Hüpfen, ein Zappeln, pure Energie. Noch ist sie hier, schon ist sie da, blonde Hexe, Derwisch! Und jede Geste passt, jeder Gesichtsausdruck, als würde sie uns tauben Steinen die Musik vermitteln wollen.
Und natürlich ‚Carton'. Der Mann ist ein biologisches Wunder: Gefühlte 100 Jahre alt und doch so muskulös und gleichzeitig hager, dass man bequem anatomische Studien an ihm treiben kann. Sein Sprechgesang ist tief, aber nicht monoton und ähnelt in diesem Punkt dem Zappas. Auch, wenn der Musikstil nicht rein zappaesk, nicht ganz so kompliziert ist, so ist es die Bühnenshow allemal: Ironisch, selbstbewusst und grotesk. Ja, Raoul Petite, auch das ist Zappa!
Ich bin überglücklich und weiß: Der Freitag hat sich nur so bedeckt gehalten, damit der Samstag umso mehr zuschlagen und sich in meiner Erinnerung entfalten kann. Backstage ein (?) Bier, ausgegeben von Jim Cohen persönlich (mehr oder minder absichtlich), um vier endlich im Bett. Was für ein Abend.
Noch ein neuer Tag. Ein verhaltenes Stöhnen, erlösendes Duschen, Rumlungern in der Sonne auf Charlies Bett. Blätter rascheln in den Pappeln, leichte Brise, Vanilleduft vom Blechkuchen weht herüber, Musik. Das Leben ist schön.
Nachmittags endlich Chris Oppermann! Im Aussehen ein Bastian Pastewka, im Geiste ein wahrer Zappa (Mann, was für Kompositionen!) und im Verhalten sympathisch, zurückhaltend, beinahe schüchtern. Ein weicher Händedruck. Er steht am Piano, als hätte er seine alte Bontempi Heimorgel gerade beim Keller entrümpeln gefunden und probiere sich jetzt verhalten interessiert daran aus. Aber was aus dieser ‚Heimorgel' rauskommt, unbeschreiblich! Der krass, krasser, krasseste Gegensatz zu Raoul Petite. Die andere Seite Zappas. Und - meine Gelegenheit, Project Object noch einmal in Aktion zu erleben. Tag gerettet.
Und der Durchhänger. Nach Hause? Bitte bitte? Lohnt es sich überhaupt, Eddie Jobson und die Abschluss-Session zu sehen? Und ob! Noch einmal Stehvermögen bewiesen, Ohren gespitzt und reich belohnt worden. Eddie Jobson, der streng und korrekt wirkende Gentleman mit der grün leuchtenden, transparenten E-Geige ist ein Genie. Ja, die Genies häufen sich an diesem Wochenende, aber er ist wirklich eines. Ich versinke in seinem zweiten Stück, hänge an der E-Geige, an dem Schlagzeug, an der Komposition. Am Ende des Stücks ist mir, als kennte ich es schon viele Jahre. Zu schnell kommen Ike und Ray dazu - und auch, wenn es wie Ketzerei klingt: ohne die beiden ist er besser. Ikes Gesangsleistung ist ausbaufähig und aus Original Jobson wird Zappa-Cover. Schade.
André Cholmondeley von Project Object steht während des Konzerts neben mir und sagt immerzu mit sich überschlagender Stimme: "35 years, man! … F**k, 35 years!" Kopfschütteln, offener Mund, große Augen. Er staunt nicht allein, denn Eddie Jobson spielt tatsächlich seit über 30 Jahren erstmals wieder in Deutschland. Und wieder: wir sind dabei.
Aber dann das Schlagzeug-Solo. Also, DAS Schlagzeug-Solo. Ich habe noch kein besseres gesehen. Beschreibungsversuche werden müßig, wenn Marco Minnemann anfängt und so schnell nicht mehr aufhört. Mir steht der Mund offen. Schnelligkeit, Präzision, Kreativität, Wahnsinn. Wenn er einen Fehler gemacht hat, habe ich es nicht sehen können, weil ich im Gegensatz zu ihm ein verdammter, blutiger Laie bin, der noch nie einen Rhythmus gehört hat. Dieser Mann muss sein ganzes Leben in einem fensterlosen, weißen Raum verbracht haben, nur mit einem Schlagzeug ausgestattet. Nun spielt er für uns, für diesen Moment. Ich will spontan eine Videoaufnahme davon zum immer und immer und immer wieder angucken und staunen.
Doch davor: Abschlusskonzert! Welch ein Spektakel. Zum ersten Mal bin ich dabei und vollkommen platt. Alle sind sie auf der Bühne, Ike, Ray, Robert Martin, Eddie Jobson, Chris Oppermann, besagte Truppenteile von Project Object und viele, viele mehr. Es fehlt nur Zappa. Doch auch der kommt dazu. Als bei Muffin Man das Publikum zum Mitsingen aufgefordert wird, der richtige Text aber nicht kommen will, spielt Eddie Jobson von seinem Synthesizer aus kurzerhand das Original ein. Franks Stimme hallt über den Platz, alle spielen für ihn und er spielt nun für uns. Er singt vor, alle singen brav nach, ein magischer Moment. Gänsehaut, er lebt!
Zum Schluss Cosmik Debris, was für ein genialer Rausschmeißer! Einladung für unzählige Soli, Zelebrierung bis zum Schluss, Zappa pur. "Look here brother, who you jivin' with that Cosmik Debris? / Look here brother, don't you waste your time on me." Noch Tage später summen mir die Worte im Ohr. Doch ich werde sie wieder hören, Live! The torture stops in 364 days! Auf dann!
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Text1: VM
Text2: Agnete Granitzka
Bilder: Franz Mantei
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