Zauss "neulich neben der Grenze" (Fazzul Music 2006)

Francesco ZAgo (g, loops) und Markus staUSS (ss) sind Zauss. Das Duo hatte sich im Juli 2006 bei einem Freund in Tradate, Italien, eingerichtet, gemeinsam zu improvisieren und zu erspüren, was zusammen geht. Das Resultat auf "neulich neben der Grenze" sind 9 Stücke, die einen weiten Bogen zwischen harscher und heftiger Rockhärte, abstrakter Jazzsprache (schön, nicht wahr? Was immer man nicht zu beschreiben versteht, weil's halt doll schräg [und Saxophon hinzu] ist, nennt man halt Jazz und alle wissen [hoffentlich], was los ist…) - und ambienter Lyrik aufmachen.
Zwei komponierte Themen hatte Markus Stauss eingebracht, der Rest der auf "neulich neben der Grenze" enthaltenen Tracks ist frei improvisiert, selbst die Kompositionen sind gewiss im freien Spiel zerfasert und intuitiv "auseinander" genommen worden.
Der Beginn des eröffnenden "Senza eleganza" ist harsch und laut, schert sich nicht um Rhythmus und Harmonie und macht, was er will. Schon hier ist gut zu hören, dass Francesco einen Rockhintergrund hat und weiß, wie man Metalriffs spielt (was in "Heartbeat" später wiederkehrt). Zudem hat er gewiss schon mal Robert Fripp und dessen Frippertronics zugehört - doch nicht allein Erfahrung prägt den Gitarristen, er hat, ebenso wie Markus Stauss, ein sehr feines Gefühl für harmonische Flächen und emotionale Klanglandschaften, zudem dafür, auf sein Gegenüber sensibel einzugehen und mit Selbstbewusstsein und druckvollem Elan seine Ideen und Facetten einzubringen, die gewiss in dem Moment erst entstehen, indem er sie spielt. Spontane Komposition sozusagen. Schwere Basstöne wummern aus den Boxen, sphärisch lang gezogene Töne, disharmonische Melodiemuster - und ganz konkret melodisches, harsches Spiel (das auch mal an Fripps King Crimson erinnert).
Markus Stauss versteht es wie sein musikalischer Duo-Partner, auf sein Gegenüber einzugehen, harmonische Ansätze zu brechen und mit melodisch-abstraktem Spiel und viel Eigensinn zu betonen. Markus vor allem ist es, der die sich einspinnenden Harmonien in neue Wege leitet, in der Stille zu freien Tönen ansetzt, hier und dort kleine Frickeleien anspielt oder eben noch aufgeregt in die Luft spuckende Töne mit zartem Schub zu besänftigen. Seine harmonische und praktische Erfahrung als Musiker "antwortet" auf Francescos Spielweise intuitiv, das Resultat dieser Kollaboration kann nur als äußerst gelungen bezeichnet werden. Die abstrakte Klangweite hat vielfach beruhigenden ambienten Charakter, bricht jedoch aus der gefährlichen und keineswegs nur sanften Stille stets wieder aus, schön kraftvolle und geradezu zickige Ideen zu präsentieren. Nur wenig ist wirklich atonale Schräglage, wie sie zu Beginn des ersten Stückes zu hören ist. Die Aufgeregtheit eines Hühnerhofes schwebt mit einem sanften Vormittagswind hinfort und die Augen heben sich zur Anmut des Horizontes.
Konzentriert der Musik zuzuhören, ist schwer. Stets schwebt die Musik in Bilder ab und entspannt mit vielfältigem Klang. Da schweben und wabern Töne leise ins Off - und kehren mit Mut und Tatendrang zurück, ohne aber zu erschrecken oder noisig zu sein. Free Jazz oder extraharsche Töne sind hier nicht zu finden.
Die meisten "richtigen" Stücke, wie Markus Stauss schreibt, sind nicht auf der CD enthalten. Die sind sehr nah an Markus Stauss' Neolithicum-Projekt (das es auch als Duo gibt). Nun, dafür wird hoffentlich anderswo Platz sein. Gut, dass sich hier nur "gleich gesinntes" abstraktes Material findet, eine "runde Sache" aus der Klangsprache der Songs zu machen. Tipp!

fazzulmusic.ch
VM



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