Alboth! von "Amour" bis "ecco la fiera"

Alboth!´s Metamorphose ist das Abnabeln von der Kindheit, der Abschied vom ersten Radio, der Verlust der Unschuld. "Amour", 1991 eingespieltes Minialbum, noch war der verträumte und naive Versuch, harsch und böse zu klingen. Abseits von simplem Metal, weit weg vom typischen Progressive Rock, entfernt vom öden Jazz. Ein gelungener, vielversprechender Auftakt. Die Wildheit war echt, die Lust berstend. Hier haben Alboth! ihre aufstacheligen Ideen am gemeinsten inszeniert, ein erster Höhepunkt voll simplem Lärm, fehlerhaftem Songaufbau und vitaler Aggressivität. Das folgende "Liebeskind" (1992) als erstes langes Album schließt sich nahtlos an, etwas konformer schon, aber weit entfernt von jeglichem Stil. Irgendwo las ich was von Grindcore, Free Jazz und "experimental noise", das kann ich so stehen lassen, aber es umschreibt nur undeutlich, wie der Lärm von Alboth! klingt. Deutlicher ist da schon der Vergleich zu John Zorn, Naked City, Boredoms oder den Ruins (aber auch das hinkt). 1994 zeigten Alboth! sich auf "Leib" verändert.
Das 5-track-Album klingt wie eine grandiose Mischung aus Naked City und King Crimson. Dabei läßt sie jegliche verschönernde Harmonie weg und versucht sich in Industrial-Anleihen. Doch genug dieser Scheiß Stilistika Vergleiche. Es lärmt mit fettem Bass, rhythmusbefreitem Schlagzeug und vor allem der bösen Stimme von Lieder. "Leib", das folgende Minialbum "Yorn" (1995) und der Longtracker "Ali" markieren den künstlerischen Höhepunkt von Alboth! Die 12 Stücke auf "Ali" sind die lustvolle Zerstörungsorgie, der sich Lieder, Pauli, Kraut und Werthmüller mit Genuss hingeben. Jegliche sich bietende Harmonie wird fröhlich zerstört. Der Bass quietscht, die Orgel dröhnt, Samples und Effekte flirren, rasseln und bohren sich aus den Boxen. Pauli vergewaltigt seinen Bass, wie im Metal die Gitarristen ihre Gitarren. Die Orgel, doch noch mal ein Vergleich, klingt wie in frühen Tagen von The Nice, oder Steamboat Switzerland. Schwerer Avantgarde Rock, pseudosimpel verlärmt, der großes Vergnügen bereitet. Doch schon hier kündigt sich an, was die Band auf den folgenden Alben vertont. Die gewisse Selbstverliebtheit, die sich in harmonischem Ambient auslebt, findet ein paar Momente, vor allem aus den Sampling-Einlagen und den disharmonischen Effekten, die keinen abstrakten, sondern einen schlichten Ausdruck finden. Die komplette Musik jedoch rockt wie die Hölle und stößt sanfte Gemüter schwer vor den Kopf.
Danach war nichts mehr wie zuvor. "amor fati" hat die Kunstszene für sich entdeckt. Der brachiale Sound hat sich großflächig von den Rockanteilen gelöst und zelebriert düster atonalen, leider aber modernistischen Minimalismus. Der Zeitgeist hat zugeschlagen und die Band schwer getroffen. Mittlerweile hatte sich herumgesprochen, wer Alboth! ist und für welche Musik sie stehen. Das zog gewiss viele Kontakte nach sich, die - Baustein für Baustein - immer mehr die Intention der Band schluckten und durch neues Denken ersetzten. Vielleicht hatten Alboth! auch die Nase voll vom Lärm. Doch plötzlich war die Band wer - und das hat schon jeden um den Verstand gebracht. Auf "amor fati" tut sich größtenteils nichts. Jedenfalls nichts, was für Komposition, für Jazz oder Rock´n´Roll steht. Der musikalische Verlust zelebriert dafür um so auffälligere Abstraktismen als Alibiveranstaltung. Damit hat die Band wohl den Publikumsgeschmack getroffen, denn das Interesse an Alboth! nahm nicht ab, sondern explodierte (in gewissem Rahmen). Zwar gibt sich "amor fati" noch restverschmutzt, so im dritten Teil von "David de Pury". Die Hölle ruft sich in Erinnerung, doch die Täuschung ist nicht perfekt. Der Rhythmus in seiner Neuzeitlichkeit, seiner Körpergeilheit, seiner Dummheit ist von blassem Reaktionismus. Es fehlt jegleiche Verspieltheit. Nirgendwo ist Lust zu spüren. Was sich verbreitet, ist nonchalante Lässigkeit, zum Pop korrumpiert. "ecco la fiera" zeigt Alboth! auf den ersten Blick genesen. Bei deutlicherem Hinhören äußerst sich ein gesteigertes "amor fati". Das gute ist, die Band zeigt wieder Witz und Spielfreude, aber auf einem völlig anderen Niveau, als in den Alben vor "amor fati". Alboth! musste sich beweisen, vielleicht ist das auch der Grund, warum die Band nach "ecco la fiera" nichts weiter publizierte. Die Instrumente werden virtuos bedient, Lärm gesellt sich zur Band zurück, Rock´n´Roll wildert im Industrial Noise. Was fehlt, ist DER typische Anteil früherer Alboth! - Alben. Die Bösartigkeit und die musikalische, lustvolle und aggressive Naivität. Trotz allen Lärms, aller schrägen Intonation und melodiefeindlichen Rasanz - böse klingt die Band nie wieder. Weder ist zu hören, dass die Band vor Spielfreude barst oder das Dreschen auf den Instrumenten besonders liebte. Zu hören ist die Starre, der die Band unterlegen war. Der Anspruch, der auf ihren Schultern lastete. Das düstere Konstrukt "ecco la fiera" ist damit nur eine Steigerung des toten "amor fati". Schade, hätten Alboth nur nie das aufgeblasene Berlin gesehen!

VM
alboth.ch


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