Alcest - Ecailles de Lune   (Prophecy Productions, 2010)

Herrlich! Bei manchen Alben wünscht man sich einfach, dass sie exakt dort einsetzen, wo das Vorgängerwerk endete... und im Falle von Alcest sind auch Gedanken über ein etwa schon verbrauchtes Konzept nicht von Belang, denn dies ist schliesslich erst der zweite Longplayer eines stilistisch höchst eigenständigen Projekts. Projekt deshalb, weil sich für Ideen, Ausgestaltung und musikalische Umsetzung mit dem französischen Solokünstler Neige eine einzige Person verantwortlich zeichnet.
Bereits das Debut "Souvenirs d'un autre Monde" stellte Rezensenten vor die nahezu unlösbare Aufgabe, dieses Werk einem oder auch mehreren Genres zuzuordnen, denn Alcest lebt von einer transzendenten Rätselhaftigkeit, von dem beharrlichen Schweben über dem harten Boden der Realität. Dem bleibt "Ecailles de Lune" ganz und gar treu und auch die grundsätzliche Herangehensweise an die einzelnen Stücke folgt dem eigensinnig Bewährten. Bezaubernde folkloristische und naturmystische Musik trifft eine Ahnung von Black Metal, die diesmal ausgeprägter zu sein scheint. "Ecailles de Lune" verkörpert stärker Ernsthaftigkeit und Reife, die dieser wunderbar geschickt inszenierte Naivität des Debuts weniger Raum lassen. Und trotzdem agiert Alcest mit spielerischer Leichtigkeit und verwebt majestätische Gitarrenwälle vollkommen organisch mit verträumten Passagen. Härte und Stille bilden hier keine Kontraste, viel mehr bedingen sie sich und gehen völlig ineinander auf.
Den perfekten Einblick in diesen Klangkosmos bietet das zweiteilige und somit fast 20 Minuten in Anspruch nehmende Titelstück, welches nahezu alle Facetten des alcestschen Klangspektrums in sich trägt. Der traumwandlerische Schwerpunkt liegt in der zweiten Hälfte des Albums und mündet im ätherischen "Sur L`Océan Couleur De Fer", doch zuvor hat mich "Perceés de Lumiere" gefangen genommen. Ein zu jeder Sekunde packendes Stück, das eine stärke Orientierung in Richtung Metal aufweist und die oft so liebliche Stimme Neiges zur geifernden Furie werden lässt - ohne dabei je den Blick für bezaubernde Melodien und den Detailreichtum des gesamten Stimmungsbildes zu verlieren.
Die auf "Souvenirs d'un autre Monde" begonnene südfranzösische Traumreise nimmt so ihren Fortgang, der ebenso gelungen ist wie es das sehr ästhetische und ganz in Blautönen gehaltene Jugendstil-Cover bereits erhoffen liess. Und insbesondere wer Agallochs folkloristischstes Werk "The Mantle" zu seinen Favoriten zählt, dürfte hier nur allzu schnell der Verzückung verfallen.

Volker Schulz



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