Box "Studio I" (rune grammofon, VÖ: 15.02.2008)

Schriftsteller und Filmemacher Philip Mullarkey hat die vier Musiker "handverlesen" ausgesucht, wie es im der CD beiliegenden Presseblatt heißt, die Musik für sein Kunst-/Filmprojekt "Box" zu gestalten, ganz ohne Vorgaben. So traf sich mit Raoul Björkenheim (g, Viola da Gamba, Krakatau, Scorch Trio), Trevor Dunn (b, Mr. Bungle, Fantômas, John Zorns Electric Masada, Moonchild), Ståle Storløkken (keys, electr, Supersilent, Humcrush) und Morgan Ågren (dr, Mats/Morgan, Flesh Quartet, Kaipa) eine recht eigenwillige, und gewiss nicht leichtgängige, extravagante und künstlerisch versierte Truppe.
Ohne eine Idee von Komposition ging der Box-Vierer zuerst für zwei Tage ins Studio und probierte sich in freier Improvisation. Von den aufgezeichneten Tracks sind auf "studio 1" sechs unbetitelte Stücke enthalten. "untitled 9" macht mit seinen 17 Minuten den zeitlichen Großteil der CD aus, erhascht aber auch wegen seiner extravaganten und beeindruckenden Struktur die größte Aufmerksamkeit. Nach einer Ton und Klang suchenden Einstimmungsphase hämmert Morgan Ågren lebhaft auf sein Schlagzeugset und verführt die Band zu einiger Heavyness. Gitarrist Raoul Björkenheim dürfte, im Nachhinein, gewiss selbst erstaunt gewesen sein, dass seine leidenschaftlichen und quasi aggressiven Soli so ungemein Jazzbetont sind, dabei messerscharf aus den Boxen jagen und gefährlich Suchtpotential verbreiten. Nach der ersten aufgeputschten Phase verpufft die Lautstärke in unterirdisch blubbernden Sounds, aus denen eine wieder stark jazzbetonte Epik aufgeht, die kein Ende finden will und den Vierer ungemein fordert. Trevor Dunns Bass klingt wie gefährliche Magma, unruhig, aufbegehrend, wild, aggressiv, aber stets in der Spur bleibend, Raoul Björkenheim und Ståle Storløkken reizen mit atonaler Melodiestruktur, die eines John Coltrane würdig wäre, den harmonischen Rahmen grandios aus, von Morgan Ågren auf Trab gehalten, der unstoppbar seine Drumfelle vergewaltigt. Was für eine Orgie! Und dabei - welche Disziplin! Die Energie des Stückes bleibt stets auf sehr hohem Level, ohne über zu schießen und zu verebben, die hatten, scheint's, Lust daran, sich so gewaltig, und nicht ohne Bombast, auszutoben!
Nach der Supersilent-verwandten Dröhn-Stille des zweiten Stückes "untitled 11", die wie ein minimalistischer Rausch vorüberzieht und vor allem durch Morgan Ågrens vertrackte Taktverzierungen wirkt und über die Trevor Dunn wie düstere Wolken seine melodische Bahn zieht, probiert das Quartett erneut die Prog-Jazzuntiefen heraus. Ståle Storløkken, ganz Supersilent, gewinnt seinem Keyboardensemble blubbernde Töne zwischen Düsternis und Comic ab, während Raoul Björkenheim, bis der Song schließlich soweit eingefahren ist, auf Dunns gewaltiger Bassspur ein weiteres rasantes Solo streicht. Himmel, grandioser!
Die Band hält auch in den drei weiteren Stücken an, gefährliche, düstere Stille in atonale, nie sehr laute, aber "schräge" Energieschübe zu entladen, die dann das bebende Gebräu zur Kernschmelze führen.
Nun, das Beste, scheint mir, ist an der extraordinären, so will ich sagen, CD der Titel: "Studio 1". Verspricht er doch, dass von dieser exzellenten, und dabei für Freigeister relativ eingängigen Tonkunst mehr drin ist. So sich, ist wohl der Gedanke dahinter, neugierige Hörer davon angesprochen fühlen und die CD sich verkauft. Kann ich nur raten zu!


VM


Im unscheinbaren Namen BOX stecken vier Prominente. Wenn Supergroup nicht abgedrochen klänge, wäre es die treffende Bezeichnung für den Zusammenklang von Raoul Björkenheim (Krakatau, Scorch Trio), Trevor Dunn (Mr. Bungle, Fantomas, Electric Masada, Trio Convulsant), Ståle Storløkken (Supersilent, Humcrush) und Morgan Ågren (Mats / Morgan, Simon Stensland). Anstoß für den auf Studio 1 (RCD 2070) zu hörenden Clash der Vier gab angeblich der Filmemacher Philip Mullarkey, der für sein Projekt [box] - aber das führt nur an der Sache vorbei. Sache ist, dass im spontanen Brain- und Soundstorming 6 Tracks entstanden, die man jedem in die Hand drücken kann, der nach dem Stand von Free Rock heute fragt. Dunn & Ågren bilden eine an Fülle, Flexibilität und Dynamik schwer zu überbietende Rhythmsection, ohne dabei kopflos den schnellen Fingern freie Hand zu lassen. Dieser Supergroupsündenfall findet hier einfach nicht statt. Speziell Björkenheim spielt seine Gitarre nicht im Leerlauf bergab, sondern schräg bergauf. Alle vier schleppen Prog-Ballast wie Scherpas auf schwer zu besteigende Gipfel. Das finale ‚Untitled 2‘ kämpft gegen dünne Luft und Schwerkraft mit zäher Beharrlichkeit, die Gitarre ächzt, die Keyboards stöhnen, es gibt nur Verzerrungen, das Ziel ist nicht mehr vor Augen, sondern nur noch eine Vision. ‚Untitled 13‘ hatte das Stolpern schon zur hohen Kunst erhoben, Ågren klopft Morsezeichen, die Gitarre schrappt ungerade Stakkati, Dunns Bass wummert diffuse Staubwolken, dann doch ein Aufundab auf der Tonleiter und ein Schub nach vorne und schon wieder Vollbremsung. ‚Untitled 3‘ tuckert quick, virtuos unvirtuos, die Gitarre klingt präpariert stumpf, die Keyboards wechseln mehrmals die Farbe, von perlig surreal zu fuzzig und zurück. Storløkken hält durchwegs die grösste denkbare Distanz zu jedem Prog-Usus. Der stumpfe Gitarrensound taucht schon in ‚Untitled 7‘ auf, flinkes Gekrabbel vor fiebrig-eifrigem Drumming und urig stagnierendem Bass. Die Gitarre spielt sich frei, behält aber einen angefressenen Wahwahsound, mit dem Björkenheim absolut irre Läufe improvisiert. Storløkken schiebt Hammondcluster herbei, falls die Gitarre ins Schleudern kommt. Bei ‚Untitled 11‘ loopen Gitarre und Keyboards zuerst nur simple Repetitionen, während der Bass schon Bände spricht und Ågren mit kleinen Riffs fiebert, bis Björkenheim auf ganz schiefer Bahn davon balanciert. Das Ganze als synergetische Summe steckt jedoch bereits in ‚Untitled 9‘, dem 17-min. Auftakt, früher hätte man gesagt, der A-Seite. Hier sind tatsächlich Groove und kaum gebändigte Gitarrenläufe Trumpf. Allein mit diesem Track könnte sich Björkenheim als Saitengott verewigen. Aber vor der Unsterblichkeit tut sich ein Abgrund auf, ein Nebel, in den er mit seiner Viola da Gamba hinein sticht. Minutenlang gibt es Bewegung, aber keinen Weg. Und dann doch. Die Gambe entdeckt ein Licht, die Gitarre stößt ins Freie und tobt sich aus wie ein Dschinn, der endlich der Flasche entronnen ist. Ågren & Dunn geben Stoff, die Keyboards werden immer deliranter und nach einem letzten Luftholen rammt die Gitarre das Tor zum Paradies. So muss das sein. Was denn sonst?

runegrammofon.com
myspace.com/boxmusicproject
rbd / bad alchemy



Zurück