Copernicus "Cipher and Decipher" (Moonjune Records, VÖ: 01.03.2011)

Es wird beiden Künstlern nicht gerecht, Copernicus als den heutigen Captain Beefheart zu bezeichnen. Und gewiss haben beide unterschiedliche Stile, andere Bandsounds, eigene, unabhängige Philosophien, Stimmen, Gesangsstile - und nicht zuletzt ihre eigenen Perspektiven. Und doch erinnert im komplett improvisierten Sound der 10 Songs auf Copernicus' neuem Album "Cipher and Decipher" auf den ersten Blick einiges an den im Dezember 2010 verstorbenen Don Glen van Vliet. Beide sind einzigartig und doch verbindet beider Expressivität und unkonventionelle Erzählweise den verwandten Eindruck. Intime Kenner beider Künstler werden dies gewiss verneinen, je näher man einem Stern kommt, umso deutlicher und eindrucksvoller werden die Krater und Hügel, doch mit einigem Abstand gibt es Parallelen: die tiefen Stimmen, der außergewöhnliche Gesang, der eher Erzählen als wirkliches Singen ist, die beiden inne wohnende sensible Aggressivität, beider Bandsound im Mix aus Improvisation, Rock, Jazz, Kunst und Kitsch, harscher Aussagen und dämmernder Instrumentalminuten.
10 Stücke sind auf "Cipher and Decipher" enthalten. Die Band ist leicht in den Hintergrund gemixt worden, was die wilde, harte Rockerstimme Copernicus' einmal mehr unterstützt und seine Lyrics deutlicher und intensiver macht. Doch die Band ist nicht so weit im Off, dass sie kaum eine Rolle spielt. Vor allem Raimund Penaforte mit seiner Viola macht stets einen außergewöhnlich guten und sehr aktiven Eindruck, ebenfalls der als musikalischer Direktor angegebene Pierce Turner an Tasten und Perkussion. Die weitere, groß besetzte Band sticht nicht deutlich hervor, macht erstaunlicher Weise teilweise sogar ungewöhnlich schwer identifizierbaren Soundbrei, der eher Insgesamtstruktur als fein abgestimmter Klangraum ist, dennoch aber, nach mehrfachem Hören, seine Vitamine wirken lässt. Die Texte sind im Booklet abgedruckt, was trotz der eindrücklichen Gesangs-/Erzählweise das Verständnis der an erster Stelle stehenden Texte notwendig unterstützt. Und doch sind die Lyrics ohne Musik kaum so wirkungsvoll, wenn die Songs auch, wie im Booklet steht, komplett in der Band improvisiert wurden, so rankt der lyrisch-harsche Jazz/Rock/Neo Art Sound doch mit Ausdruckskraft um Copernicus' permanent im Vordergrund stehende Donnerstimme.
Abgesehen vom Sound braucht der hungrige Freak schon seine eigene Verrücktheit, den Sound voll innigen Vergnügens freiwillig hören zu wollen. Da ist kaum von Eingängigkeit zu reden, wenn die Songideen auch nicht extrem ausfallen, so ist doch nichts lieblich, besonders melodisch oder von großer Harmonik. Alles ist Schräglage, durchsetzt von dauerhaften Disharmonien und kratzigen Sounds, über denen wie ein bedrohlicher Gott Copernicus steht, riesig, stets im Vordergrund - und er schaut direkt in die Hölle der Seele.
Für, doch, zum Angstkriegen. Der Avantgarde Besonderheit!

moonjune.com
copernicusonline.net
VM



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