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Copernicus "Live! In Prague" (Nevermore Inc., 05.11.2011)
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Seltsam, die Konzertaufzeichnung heute, 2011, zu sehen. 1989 war eine musikfeindliche Zeit, das strahlt die Atmosphäre des Konzertes aus, beweist das Auditorium. Die Klamotten, die Frisuren! Das tschechische, poststalinistische, postgequälte Publikum ist in der Wendezeit noch ängstlich und scheu, kamerascheu, aber unglaublich neugierig und musikhungrig. Die Backgroundmusik vor dem Konzert ist zeitgeistiger Pop, klingt heute uralt und öde peinlich. Der erste Track, 9 Minuten lang, zeigt die Zeit vor dem Konzert, den Weg zum Rockschuppen, das lungernde und seltsam bedrückt schauende Publikum; die Tschechen waren Knechte wie die Ostdeutschen, wie ich, Sklaven der ultrakonservativen Pseudokommunisten und Spießerstalinisten, den Arschlöchern und Schweinepriestern, ein jeder für alle Zeit in die Hölle, Amen!
70 Minuten ist die DVD lang, inklusive des ersten Nichtmusiktracks. 10 Songs folgen. Konzertopener "The Authorities!" macht deutlich und klar, was Copernicus von Regierungen hält, mit seiner Mordsstimme, die brüllt und donnert wie ein Gott in seiner entrückten Höhe. Das Publikum jubelt auf Anhieb, quetscht sich vor die Bühne, geht süchtig und unterhungert auf jedes Wort, jeden Ton ein, frisst der Band aus der Hand.
Was Larry Kirwan (keys, g, voc), Mike Fazio (g), Thomas Hamlin (dr) und Dave Conrad (b) instrumental spielen, ist lyrischer Avantrock zwischen No Wave, Pop und hartem Waverock mit ambienter elektronischer und minimaler progressiver Note. Copernicus, seine Stimme, seine Präsenz, seine Texte, seine Sprüche und sein Gesang sind Mittelpunkt der ganzen Veranstaltung. Heute fast undenkbar, dass ein äußerlich so bunt gemischtes Auditorium aller Altersstufen zu dieser Musik eilt und mit großen Augen an seinen Lippen hängt.
Die Show hat historische Relevanz, ebenso nostalgische, der damalige Zeitgeist entlarvt sich selbst, Copernicus und Band müssen damals gewirkt haben wie heute die belgischen Present, zumindest vor politisch und sozial vergewaltigten Zuhörern. Der Sound entwickelt im Laufe der Songs enorme Intensität, nicht aus komplexer oder extremer Komposition, sondern aus extremer Performance und Textpräsentation. Hier ist sehr gut nachzuvollziehen, was für ein krasser, extremer Typ Copernicus ist. Er kniet sich voll rein, wälzt sich auf der Bühne, brüllt ins Mikrophon, zelebriert die Musik und die Texte, als gestalte er eine psychisch krass abgedrehte Messe.
Stilistisch ist die Musik so sehr dem Zeitgeist verwachsen, dass die Wirkung heute gleich Null ist, nicht blöd gewiss in ihrer Heftigkeit und Mainstreamfeindlichkeit, die stilistisch dem doch so nahe ist - aus heutiger Sicht. Die Lyrics sind alles: Geld, Atombombe, Frieden, Blut, Unabhängigkeit, "die da oben", Schwarze und Weiße, mehr. In "In Terms Of Money" reißt Copernicus Geldscheine in kleine Papierfetzen und wirft sie ins Publikum. Was das nichts ahnende, naive Publikum davon hält und wie es danach grapscht - und wie der Song und seine Lyrics gemeint sind, beweit die unterschiedlichen Welten: hier der Ekel und die künstlerische Zerstörung und Brandmarkung, dort die Sucht, wenigstens etwas davon zu erhaschen und trotzdem die Performance und den Sinn gut zu finden. Hunger!
In einem ist Copernicus sehr modern: er zieht sich stets um, zeigt sich in neuer, zur Show passender "Garderobe".
Das Publikum fand am 17. Juni statt, 36 Jahre nach dem denkwürdigen Datum, als die Menschen in der DDR sich von den Stalinisten zu befreien versucht hatten. Ein wütendes Statement, es endlich, wenn auch spät geschafft zu haben, die verhassten Pseudopolitiker weg von der politischen Bühne gejagt zu haben, jetzt das Sagen zu haben und sich krasse Künstler zu gönnen, die gleichen Herzens, gleichen Freiheitsdranges sind.
4 Bands standen auf der Bühne: die Tschechen Pulnoc, Copernicus aus den USA, Garaz, ebenfalls Tschechen und The Blech (NSR - keine Ahnung welches Land! Neue slowakische Republik?). Copernicus hat nur seine Show für die DVD produziert, aufgenommen von zwei Kamerateams, dem von Corbett Santana (linkes Bild) und dem des neuen Tschechischen Fernsehens (rechtes Bild - beide Spuren laufen nebeneinander, der Sound wurde separat aufgenommen). 2011 wurden die Aufnahmen in New York postproduziert und gemastert.
Historische Relevanz ist unbedingt gegeben, musikalische bedingt.
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VM
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