Electric Chair "in leaf" (Electric Chair ELCH-002, 2006)

8 Musiker spielen Mandoline, 4 akustische Gitarre, eine weitere akustische Gitarre wird von einem Gast bedient, der Komponist der 14 Songs ist nicht darunter. Electric Chair sind eine ungewöhnliche Band, nicht nur auf Grund der instrumentalen Besetzung. Die Band spielt keine "normale" japanische Folklore. Die atmosphärisch-nachdenklichen, melancholischen und bezaubernd zarten Stücke haben gewiss einen aus japanischer Folklore gewachsenen Hintergrund, könnten aber ebenso gut aus einem anderen Land Asiens, aus Europa oder von jedem anderen Erdteil kommen.
Amerikanisches, russisches, asiatisches, europäisches - hier geht ein Weltgeist in Vereinigung diverser gewachsener folkloristischer Identitäten auf. Erstaunlicher Weise taucht der Komponist der Songs nicht als Musiker auf, wie hat sich die Band gegründet, wie ist sie zu ihrem "in leaf" - Projekt gekommen?
Viele Songs sind von liedhafter, melodischer Struktur. Sehr anmutig aufgebaut, und gewiss für alle Folkloren ungewöhnlich, weil sich die Ideen aus vielerlei, weltweiter Inspiration speisen, fließen die Stücke hörfreundlich und angenehm dahin, ohne seicht oder öde zu sein. Einige Stücke jedoch, wie "hikifune", der 7. Track mit dem irre langen japanischen Namen, "kikyu-toujoukai" oder "irakusa" verlassen die melodischen Pfade und zeichnen avantgardistisch schräge, extravagant eigenwillige und, ja, progressiv anspruchsvolle Wege nach. Dabei ist das große Ensemble nicht mit anderen Akustikgitarren-Clans zu vergleichen. So etwas habe ich noch nicht gehört. Weder gibt es in den Songs bombastische Lautstärke, nie holt das Ensemble gemeinsam aus, kein Gitarren- oder Mandolinenorchester ist je zu hören. Noch sind die Motive schon tausendmal in allen möglichen Varianten gehört, die Kompositionen sind grandios, wie gesagt, und Electric Chair zeigen großartiges Einfühlungsvermögen, die Atmosphäre und Stimmung der Tracks wundersam lebhaft zu intonieren. Die melodischen Stücke sind elegisch-balladesker Struktur, zart ziehen die Momente dahin, und jedes Instrument hat eine andere Aufgabe, überraschend, wie vielseitig die Harmonien sind, und wie vielschichtig vor allem. Die nachdenkliche Stimmung hat nicht den leisesten Hauch von Kitsch, der Komponist hat ganze Arbeit getan und wahrhaft wunderschöne Songs erdacht, die Band tut es ihm feinfühlig in der Einspielung nach. Mit einfühlsam dynamischer und sensibler Kraft und handwerklich technischer Meisterschaft ist ein jeder Ton gesetzt. Die leisesten Momente leben voll Klarheit, die harten und "schrägen" Motive zeigen nachhaltige, süffige Aggressivität, haben Kraft und Würze, und doch ebenso den raffinierten Hauch resolut virtuoser Lyrik.
Genug gesagt! Die Musik ist himmlisch und nur dann ein besonderer Genuss, wenn sie unkritisch gehört wird. Kopf ausschalten, Ohren und Sinnesorgane auf "extra stark" einstellen und in die Musik tief eintauchen!

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VM



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