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Gordon Giltrap
"Visionary" (1976 Bucks Music)
"Perilous Journey" (1977 Bucks Music)
"Fear Of The Dark" (1978 Bucks Music)
"Live at Oxford" (1981 Bucks Music)
(2013 Cherry Red Records/Esoteric Recordings)


Kaum zu glauben, dass der Mann keine Schule oder Hochschule besuchte, sein Instrument zu studieren. War wohl kein Lehrer notwendig. 1960 begann der Zwölfjährige, sich mit der akustischen Gitarre zu beschäftigen. Nur ein paar Jahre später war er in Londons Folkszene bekannt, und 1968, gerade 20 Jahre alt, veröffentlichte Gordon Giltrap sein titelloses Debütalbum. Mindestens 4 Folkalben entstanden bis 1971, jedes Jahre eines.
1976, nach weiteren akustischen Alben, veränderte der Wunderknabe der akustischen Gitarre seinen Stil, löste sich von der reinen Lehre, dem simplen Folk, und wandte sich der symphonischen Rockmusik zu.
Sein erstes Album dieser Art, "Visionary", behandelte die Poetik des William Blake. Obschon so gut wie rein instrumental, mit wenig Gesang und Texten nur, entspricht das Album in seinem lyrischen Arrangement und den schöngeistigen, symphonischen Songs Blakes Literatur. Diese Geschichten waren instrumental, aber wie Gordon Giltrap sie erzählte, und wie seine Gitarrentechnik Songs bastelte, ist bis heute außerordentlich.
Begleitet wurde der Barde von John Bailey (g), Rod Edwards (keys), Simon Phillips (dr) und John G Perry (b) - allesamt progressiven Jazzrockern, die mit allen Wassern gewaschen waren und selbst eine ausdrückliche Handschrift entwickelt hatten. Zur Rockband gab es Jazzbläser, die bereits Free Jazz und Avantgarde, sowie Jazzrock und allerlei 70er Rockmusik gespielt hatten; sowie klassische Streicher, die der symphonischen Note das Hochformat gaben.
Zwischen symphonischer Elegie und progressiver Komplexität steckt Giltraps erstes Album dieser Art. Und schon hier ist sein éknurpseliges' Gitarrespiel als Besonderheit zu erkennen, seine Art, eingängige Melodien zu verkomplizieren und zwischen ganze und halbe Noten eine große Fülle weiterer gebrochener Noten einzuspülen.
Das Cherry Red/Esoteric Reissue nun enthält das digital auf den neuesten Stand gebrachte originale Album samt 5 Bonusstücken, die weit mehr als lästiger Anhang sind und die CD auf eine Länge von 62:45 Minuten bringen.
Ein Jahr später legte Gordon Giltrap das Follow-Up "Perilous Journey" auf. Eingespielt in fast unveränderter Besetzung, war der symphonische Geist etwas zu Kitsch verkommen. Breiig schwere Keyboardsounds verkleistern die Songs, die Rockband ist mehr ins Off gemixt, die weit weniger aktiven Bläser sind - nun - weniger zu hören. Zwar sind einige wirklich sehr schöne Kompositionen auf dem Album zu finden, doch die Seichtheit der Arrangements nimmt den Songs Kraft und Format. Besonders schlimm wird es, wenn das Saxophon die Achtziger Jahre vorweg nimmt und diesen unerträglich seichten Fernsehkitsch präsentiert, der nicht zu ertragen ist, während die Bläser im Verbund mit den Streichern die Songs zu Hollywood-Schmonzetten-Begleitmusik mutieren lassen. Dennoch: da sind passable Ideen, und Giltraps Gitarrenspiel kann in den Bann ziehen.
Vielleicht sind, weil das Album als kitschig bekannt ist, hier die meisten Bonustracks untergebracht, so dass die CD auf die stattliche Länge von 75:55 Minuten kommt. Darunter ist ein über 21 Minuten langes Gitarren/Piano-Demo, in dem Gordon Giltrap sagt, wann der folgende Harmoniewechsel ansteht. Zudem ist mit Fleetwood Macs (oder besser Peter Greens) "Oh Well" ein kaum zu covernder Song dabei, dem Gordon Giltrap nach anfänglichem Geht-so und Diskoarrangement in der Folge eigentlich ganz gerecht wird - wenn das Original zweifellos längst nicht in Intensität und Kraft erreicht wird.
1978 führte "Fear of the Dark" symphonische Elemente in acht Songs in den Mainstream, partielle Diskoanleihen im Rhythmus sind traurige Begleiterscheinungen eines an sich interessanten Albums, das wiederum in fast unveränderter Besetzung eingespielt wurde. Gordon Giltraps Gitarrenarbeit Teil 3 birgt stilistisch keine Überraschung mehr, wenn seine Songs durch die Art, wie er spielt, was anderen Gitarristen wohl die Gehirnzellen brechen würde, interessant bleiben. Manches Arrangement wirkt etwas zurückgenommen, eine nachdenkliche, und nicht ganz kitschige Atmosphäre macht sich oftmals auf. Vermutlich dürfte die Einspielung vor allem für Schlagzeuger Simon Phillips die größte Unterforderung gewesen sein. Leider strebten die symphonischen Rocker Ende der Siebziger, noch im Krieg mit Punk und allem, was da so kommen wollte, gen Seichtheit, statt sich auf Kunst und Kreativität zu besinnen. Ist vorbei. Geschichte.
7 Bonustracks sind dem Album angehängt, so dass die CD auf eine Länge von 64:20 Minuten kommt. Wie alle anderen Aufnahmen sind die Studiotracks wie Bonusstücke digital remastert worden und in sattem, klaren Klang voll und rund anzuhören.
Und da ist noch ein Album, dass zu Giltraps symphonischer Riege gehört: das 1981er "Live at Oxford". Zu den 13 originalen Songs sind dieses Mal keine Bonustracks gekommen, so dass die CD-Länge der der ersten CD-Auflage entspricht: 63:32 Minuten, die LP indes war deutlich kürzer, kein Doppelalbum.
Gordon Giltrap spielt mit neuer Besetzung, weitaus mehr elektrische Gitarre als auf den Alben zuvor, was den Songs eine neue Dimension gibt. Wäre Giltrap ein echter Rocker gewesen, der statt zart lieber hart gemocht hätte - wer weiß, ob seine Kompositionen im komplex harten Kleid nicht weitaus mehr Erfolg gehabt hätten, so gut, wie seine Songs an sich komponiert sind. Mit Rod Edwards (keys), Eddy Spence (keys), Shirlie Roden (voc, keys, perc), John Gustafson (b) und Ian Mosley (dr) gibt es die volle Keyboarddröhnung und satten Softrock. Der Sound geht mit den neuen Mitarbeitern etwas mehr Richtung Jazzrock, bleibt aber dennoch seicht und sehr lyrisch. Die fröhlichen wie die nachdenklichen Songs verbreiten Folkflair und leider steht eher Liedhaftigkeit statt instrumentaler Exegese auf dem Plan, so wird den Songs keine instrumentale Freiheit gegeben, was ihnen die Chance nimmt, aus dem Korsett auszubrechen. So bleiben sie Liveversionen der originalen Studiotracks, die wenigstens ganz schwungvoll zur Sache gehen und, wie gesagt, in manchen Songs dezent zum Jazzrock tendieren. Aufgenommen am 09. März 1979 in der Polytechnic in Oxford ist das Livealbum der Abschluss dieser Phase in Gordon Giltraps Gitarristenkarriere, die eine große Fülle weiterer Alben hervorbrachte. Aktuell ein Album in ähnlichem Geiste wie diesem mit Oliver Wakeman ("Ravens & Lullabies").
Cherry Red Records/Esoteric Recordings haben ganze Arbeit geleistet und den vier Produktionen die optimale Umsetzung beschert.

esotericrecordings.com
VM



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