|
Heron "Upon Reflection - The Dawn Anthology" (Dawn 1970/71, Castle Music 2006)
|
Die britischen Folkies Heron veröffentlichten 1970 ihr Debüt "Heron", ein Jahr darauf die Doppel-LP "Twice As Nice And Half The Price" auf dem Dawn-Label. Castle Music legen beide LPs ergänzt um 9 bisher auf CD unveröffentlichte Tracks auf. Die ersten 13 Tracks auf CD1 stammen vom Debüt des Folk-Quartetts, das damals (bis auf das Keyboard) weder elektrische Instrumente noch Schlagzeug benutzte und sanften, reinen und überaus harmoniebeseelten Folksound mit akustischen Gitarren, Mandoline, Piano und Akkordeon spielte. Die Chorgesänge in den kurzen Songs sind traumhaft schön; voll tiefer Melancholie und hippieeskem Naturfrieden sind alle Songs. Die Bonustracks sind auf der ersten CD enthalten, als da wären: die "full-length"-Version des Stückes "Heron", das der Band den Namen gab, ein Outtake der 1. LP, 4 Tracks einer 1971er Maxi-Single, zwei 1970 eingespielte unveröffentlichte Songs sowie ein ebenso unveröffentlichtes Stück aus dem sommerlichen 1972.
Die Songs sind relativ schlicht gestrickt, haben aber reiche harmonische Vielfalt und lyrische Tiefe. Neben den zarten Folkgesängen, die großteils und im Refrain fast stetig im Chor geleistet werden und sehr schön arrangiert sind, können die Sangesknaben auch mal etwas heftiger und so tun, als ob sie knackigen Rock im Folkblut haben. Der naive Charme, der auf der ersten CD nicht eine Sekunde verloren geht, hat ebenso mittelalterliches wie britisches und hippieeskes Flair. Wirklich schön, wenn auf die Dauer der fast 70 Minuten auch etwas viel des Schönen und Guten.
Ein Jahr später zeigten Heron sich verändert. "Twice As Nice And Half The Price", 22 Songs und 77 Minuten lang, füllt die komplette CD2. Da wird mancher Song von Schlagzeug angetrieben, elektrische Gitarren glitzern in der Gegend herum - als Referenz an die Popmusikmaschine. Die Beatles waren Pflicht im großen Britannien, auch Heron fühlten sich verpflichtet, "You Really Got A Hold On Me" als Folk-Beat zu covern. Nett, ihre eigene Version, nicht mehr. Was auf der ersten Platte noch wunderschöne Chorgesänge waren, verkommt auf dem zweiten Werk nicht nur in "The Great Dust Storm" zum entsetzlich kitschigen Country-Schlager. Heron lassen die Qualität der Songs ihres ersten Albums zwar nicht ganz vermissen, vor allem die kurzen knackigen Folksongs haben die gleiche, wie auf der ersten Platte mit Vogelzwitschern (!) zur erweiterten Harmonisierung unterlegte kuschelige Atmosphäre. Aber vieles ist im Argen. Die Popmaschine wollte Schlagzeug und elektrische Gitarren, die britische Folkszene wollte Erfolg. Die damaligen Folkies zeigten sich zudem vom Progressive Rock angezogen und versuchten sich in langen Songs und komplexen instrumentalen Läufen. Heron ist das in ihren zwei langen Stücken ganz gut gelungen. Doch so schön die einen, so anstrengend die anderen Songs. Die glitzernde Country-Gitarre in einigen Songs ist einfach öde und nimmt den Folkinstrumenten Raum, ebenso nervt die endlose Abfolge der "I Love You"'s im niederträchtigen Refrain von "This Old Heart Of Mine", da drehen sich die Toten im Grabe um! Leider leidet auch der Gesamteindruck der Chorgesänge. Was auf CD1 eben noch lieblich als kitschige Harmonie durchs Ohr schmeichelte, entsendet auf der zweiten plötzlich nervtötende Liebesschwüre und ähnlichen Krimskrams in weit weniger schmeichelhafter und liedhafterer Popweise.
Schon 1972 implodierte Heron, die Musiker gingen ihrer Wege, die wenigsten davon waren musikalische. Was sie zu singen hatten, war getan.
castlemusic.de
VM
Zurück
|
|