Hourglass "Oblivious to the Obvious" (Eigenproduktion, VÖ: 06.03.2009)

Das Deckblatt kann man als Progmetal verkaufen. Das Gros des Inhalts passt unter den Namen. Die 139 Minuten der 10 Songs erweisen sich dann jedoch als fulminante Überraschung, die allerhand Gesichter hat, Old School Progressive Rock, Neoprog, genannten Progmetal, Melodic Rock, Weltmusik und spanische Folklore - und ganz viel mehr, was als Mischwesen unter keine Genre-Überschrift passt und schlicht fabelhaft kraftvoller, toller Progressive Rock ist.
Mehr Minuten Musik bedeuten nicht zwangsläufig mehr Inhalt, genügend Beispiele bezeugen das. Hourglass haben gewiss auch ein paar Partien, Schlenker und Themenwechsel, die nicht des Genres erlesenste Qualität hat, davon gibt es aber wenig. Die schier unendliche Vielfalt in den langen Songs ist grandios und hat Rockhärte, symphonische Dichte, balladeske Lyrik, komplexe Traktate, zackigen Funk, Witz und Dynamik. Macht Laune, den irre schnelle Achterbahnfahrten, den epischen Strecken, der symphonischen Romantik zu lauschen. Und für Longtrack-Fans ist die 2CD eine wahre Pracht: 8 der 10 Songs sind über 10 Minuten lang (auch "Homeward Bound", das mit 9:58 auf dem Backcover angegeben ist, aber 10:01 läuft), die beiden "kurzen" Tracks sind 7 Minuten lang.
Es gibt jede Menge Instrumentales, gute Ideen passabel gespielt, Druck, Dynamik, Emotione, Harmonie, technisches Spiel, knüppeldicke Rhythmusfrakturen, perlendes Piano, satte Basslinien - alles an seinem Platz, zu seiner Zeit. Wer hat nur die Ideen gehabt, entwickelt, gespeichert, weiter entwickelt, verknüpft, aufgeschrieben, der Band gegeben, die dann ihre krisensichere Freizeit damit verbrachte, den Pulk schwerer Musik so einzuspielen, dass es letztlich leicht und locker klingt, wenn das Thema es hergibt oder eben zackenscharf, wenn die Gewalt eines Motivs aus den Fugen gerät und herzerfrischende Landschaften gestaltet!
Was an Gesang präsentiert wird, ist gut gesungen, liegt auf interessanten Gesangslinien und schmeißt nicht mit Allerweltsrefrains um sich. Hourglass machen nicht den Fehler, alltägliche Ideen oder herkömmliche Phrasen umzusetzen, jede Idee wurde gewendet und ausgekocht, bis sie die Struktur und Phantasie hatte, die notwendig für das großartige Werk ist.
Gewiss gibt es ein paar Momente, die eine etwas lichte Struktur haben, popnah sind und eingängige Harmonien präsentieren (und gerade dann perlt das Piano, als wolle es Tanzmusik zelebrieren) - wenig davon aber bleibt im Bewusstsein hängen, zu wenig davon, zum Glück, bestimmt die Songs.
So ein Text wie meiner hier kann einer so umfangreichen und anspruchsvollen Arbeit wenig gerecht werden. Was die Jungs hier an Arbeit reingelegt haben, sich das Mark aus den Knochen haben ziehen lassen, um kein Fünkchen Blässe in ihren Orgien zu lassen, ist bemerkens- und mehr noch bewundernswert. Dennoch wird nicht jede Idee dem geneigten Szenefan gefallen. Die kritische Gemeinde ist durch kompositorische Höchstleistungen verwöhnt. Hourglass ragen weit über das allgemeine Progmetal-Niveau hinaus, die stilistische Bandbreite ist überaus positiv und die Jungs verzetteln sich nicht. Vielleicht ist hier und dort eine Idee etwas lang geraten, ohne damit wirklich negativ aufzufallen. Nein, es bleibt ein kleines Misstrauen, dass doch nicht sein kann, was hier angeboten wird. So viel Musik auf einem Longtrack-Haufen - und der soll von vorn bis hinten Laune machen und langweilt nicht ein Sekündle?!
Hört es euch einfach an.

hourglassband.com
justforkicks.de

VM




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