Lotte Anker & What River Ensemble "What River Is This" (Ilk Music, 20.10.2014)


Das What River Ensemble ist ein Kollektiv ohne dicke Egos. Lotte Anker komponierte "What River Is This" für zwei Musikfestivals im Jahr 2010, das Huddersfield Contemporary Musicfestival und das Wundergrund Festival Copenhagen. Das Ensemble ist für diese Anlässe und dieses Werk gegründet worden. Am 1. und 2. Mai 2012 ging es dann ins Studio. In Kopenhagen wurden die 10 Tracks eingespielt, Ilk Music legt das Resultat nun als CD auf.
Neben Lotte Anker (saxes), Anna Klett (cl, b-cl), Garth Knox (va) und Jesper Egelund (b) sind Altbekannte (Phil Minton [voc], Fred Frith [g], Ikue Mori [electr], Chris Cutler [dr, perc]) beteiligt, die [keine dicken Egos] zusammen ein treffliches humanes Ensemble bilden.
"What River Is This" wurde inspiriert durch verschiedene Stadien des Erwachens, Träumens und Einschlafens. Die hochemotional poetische Umsetzung dieser Inspiration wirkt wie ein Traumbild, das stilistische Mittel aus Avantgarde Jazz, Atonal Ambient, Neuer Musik, Spoken Word und Electronic vereint.
Verwehte Lyrik, jazzästhetische Muster, instrumentale Klänge, die elektronischer Natur zu sein scheinen, doch von allen beteiligten Instrumenten stammen, eröffnen das zarte "Indifferent Moon". Einschlafen.
Über ausgedehnte 10 Minuten entwickelt sich ein (dis)harmonisches Klanggefüge, in dem ambiente Atonalität aus fragilen Miniaturmelodien in Jazzsprache entsteht. Fred Frith bearbeitet seine Gitarre mit Zahnbürste und Metallketten, Chris Cutler streicht über die Becken und wischt diffus über die Felle, Lotte Anker piepst und pustet durch ihr Saxophon, Klarinette, Viola und Bass springen für Einzeltöne ein, kratzen geringste Melodiemuster, Electronic bastelt im Off Blubber- und Rhythmus-Töne.
4 Teile des "The Sleeping & The Awake", zwischen andere Songs getrennt gepackt, sind Spoken Word Anteile, die Phil Minton erzählt, unterarbeitet durch das Ensemble, das sich hier eher zurücknimmt.
Gar nicht zurückgenommen erklingt das Meisterstück des Albums: "Dense Matter/No Exit", in dem Phil Minton am Mikrophon atmend und schluckend experimentiert und die Instrumentalisten um ihn herum für harsche Neue Musik sorgen, zu scharfem Lärm aufbrausen und einen enormen Sturm fabrizieren, der so unsagbar feine und feinste Einzelteile hat, die in Schichten übereinanderliegen, das vielfaches Hören immer wieder neue Eindrücke zu vermitteln vermag.
"Northern Lights" im Anschluss gibt seinem Namen alle Ehre. Dünne, graublasse Lichter ziehen sphärisch am Klanghorizont entlang. Die Musik wirkt wie die Graphik vieler ECM-Cover, wo kaum Abgebildetes in viel verstrichen Nebulöses verpackt ist. Großartiges Stück, sehr lyrisch und schöngeistig, indes nicht ohne kleine und kleinste Disharmonien, aus denen die pieksende, atonal ambiente Krassheit spricht, die diesen Song zum dramatischen Klanggemälde aus Stille macht.
Im weiteren Verlauf des Geschehens webt enorm kraftvolle, harsch laute Dramatik im Mix aus Neuer Musik und Avantgarde Jazz erheblich emotionale Muster, die indes nicht wie der Krieg der Instrumente klingen, viel mehr aus erhöhtem Harmoniedenken sprechen.
"Nightmares exist" will mit fast 'normaler' Songstruktur starten, wie sie im Avantgarde Jazz mit Rockbasis aus No Wave Erbe funktionieren kann. Doch die Struktur löst sich nach einem ausgedehnten Saxophonsolo auf, findet zu melancholischer Tiefe aus disharmonischer Lyrik, die in erneut expressive Kakophonie aufbricht. Die verschiedenen Stadien des Erwachens, Träumens und Einschlafens. Und - "Nightmares exist".
Im zehnten Teil des 47:59 Minuten langen Albums beendet Phil Minton die Story. Und wie zuvor spricht er nicht allein, sondern kratzt, schnarrt, pfeift, stöhnt, piepst, drückt, gurgelt, grummelt - wühlt sich durch ein ganzes Ensemble vokaler Tonmöglichkeiten, die er stets mit krasser Forschheit angeht, das zu denken ist, seine Stimme könne nur leiden an seiner Intonation. Das Ensemble baut die Stille um ihn aus, weht Töne um das Schlafen und Erwachen und lässt zuletzt "What River Is This" sanft verwehen. Der Schlaf ist vorüber.
Die Texte, die Phil Minton im Vierteiler spricht, sind im Booklet nicht abgedruckt, dafür ein großartiger, ausführlicher Text eines Musikkritikers.

lotteanker.com
ilkmusic.com
VM




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