Nils Rohwer "Music for Marimba and Vibraphone" (Niro Music-Edition 2012)

12 Songs und 67:50 Minuten lang Marimbaphon bzw. Vibraphon solo? Kann das überhaupt ‚echte' Musik sein? Kann mich das unterhalten, herausfordern, anregen, erfüllen?
Während das Xylophon - zu dieser Gruppe zählt das Marimbaphon - bereits im 14. Jahrhundert in Afrika benutzt wurde, ist das Vibraphon, 1916 in den USA als ‚Steel Marimba' patentiert, noch sehr jung. Im letzten Jahrhundert hielten die Instrumente Einzug in die klassische Musik. Komponisten wie Olivier Messiaen, György Ligeti oder Witold Lutoslawski benutzten das Instrument in vielen ihrer Werke. Seitdem sind die ‚Mallets' nicht mehr wegzudenken (modern etwa: ElbtonalSchlagwerk). Das betrifft ebenso den Jazz, wo das Modern Jazz Quartett mit Milt Jackson etliche Alben veröffentlichten, doch schon vor diesem Ensemble wurden beide Instrumente im Jazz verwendet, gelten indes bis heute als Exoten, ebenso in Rock und Pop, bestes Beispiel hier wohl: Frank Zappa mit der ausgezeichneten Perkussionistin Ruth Underwood - und in Folge dessen in der progressiven Rockmusik, in der Avantgarde und im Jazzrock stets die ambitionierten Bands/Musiker. Zu zählen ist der Einsatz der Instrumente heute nicht mehr. So gibt es selbst auf der Insel Rügen, im Norden Deutschlands, in der örtlichen Musikschule eine Vibraphon-Klasse, die einem Musikschul-Jazz-Ensemble erstausgebildete Nachwuchsmusiker liefert und die Musikschüler für das Instrument und Musik, die über das alltägliche Radio hinausgeht, begeistert.
In Ensembles, im Zusammenklang mit anderen Instrumenten können beide Instrumente, Marimba und Vibraphon, eindrucksvoll wirken. Aber solo?
Stilistisch ist Nils Roher kaum festzulegen. Klassik? Jazz? Weltmusik? Die Begriffe scheitern hier, was nur gut ist. So ‚exotisch' die Instrumente, so eigen-artig und besonders ihr Klang, ihre Musik. Die Solostücke ‚funktionieren' ungemein gut.
Auf dem beiliegenden Presseblatt ist zu lesen: ‚Der schwierige Spagat zwischen anspruchsvollen Kompositionen und entspannt klingender Musik gelingt scheinbar mühelos.' Wohl wahr. Ebenso wahr ist, dass die im Spiel Rohwers und im besonderen Klang der Instrumente liegenden Töne durchaus so stark sein können, dass einige Lautsprecher Verzerrungen erzeugen, so extreme Frequenzen erzeugt das Vibraphon. Publikum in Konzerten kann dies ebenso wahrnehmen.
Die 12 Stücke sind sehr lyrisch und elegant, der ‚einsame' Klang der Instrumente macht das Musikerlebnis besonders, rückt die Aufmerksamkeit auf diese überwiegend ungewohnten Klänge. Im hochmelodischen Ansatz steckt dynamisierende Energie, so bleibt der Höreindruck nie gleich, ermüdet nicht, sondern hat so viele Facetten und Klangbilder, dass die volle Stunde insgesamt sehr gut angehört werden kann. Vielleicht bis auf das letzte Stück, eine zweite Version des siebten Tracks, da ist Wiederkennung, die unwillkürlich wirkt und die CD gut abschließt. Die Magie von pulsierender Rhythmik und meditativer Klangvielfalt, gepaart mit fabelhaften melodischen Elementen, lassen jedes Solo von Nils Rohwer seine eigene Geschichte erzählen.
Rohwers Musik hat die Größe klassischer Musik, die Lebhaftigkeit der Weltmusik und die Dynamik des Jazz. Die technische Handschrift ist erlesen und von ausgezeichneter Übung. Sein Spiel ist schier leichthändig, lebhaft, virtuos und gibt jeder Facette ihre Kraft und Lyrik.
Auf youtube sind diverse Videos zu sehen und hören, die ich wie die CD nur empfehlen will.

youtube.com/watch?v=BHsScRBrqFc
drumsunlimited.de
VM



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