Ochion Jewell "First Suite For Quartet" (Mythology Records 2011)

Ochion Jewell ist ein junger Saxophonist (ts, ss), dessen erstes Soloalbum mit starken Farben und Kompositionen auftritt. Der zeitlos moderne Jazz des Quartettes, neben Ochion Jewell sind Amino Belyamani (p), Sam Minaie (acc-b) und Qasim Naqvi (dr) Teil der Band, ist ungemein facettenreich und lyrisch, kaum radikal, zeichnet eher traditionelle Pfade als atonale Ausflüge und selbst in überraschend deftig aufbrechenden Motiven, etwa dem exzellenten Beginn des emotional hoch pendelnden 4. Tracks "[]zero-1[]", in dem bislang unerreicht harsche Töne angeschlagen werden - die gleich wieder ins Harmonisch-Lyrische ziehen und nur beim erneuten Aufpulsen des Themas wieder hochfahren, dann allerdings nicht mehr mit dem Überraschungseffekt - bleiben Jewells Stücke lyrisch, schöngeistig, ohne krasse Ausbrüche. Und doch, wenn die aus 7 Stücken bestehende Suite auch von großer, exzellenter und Mainstream ferner Eingängigkeit und Harmonie ist, setzt die Band keinen Fuß in seichte oder lieblich-süßliche Gefilde. Nix Smooth Jazz, diese Platte ist echt.
Das Handwerk des Vierers ist großartig. Ochion Jewell selbst setzt die Töne versiert, weiß jeder Nuance die richtige Klangfarbe, den richtigen Druck zu versetzen. Er spielt sehr sauber, fast klassisch, sein Spiel ist von großer Anmut und Lyrik. Nicht weniger begabt ist seine Begleitband, die zumeist Basisarbeit betreibt, auf der Jewell surft, und doch stets selbst zu Soli ansetzt, vitaler Energie und lasziver Melancholie die passende Note gibt. Die Basisarbeit ist sehr fein und lebhaft ausgeprägt. Kein bewusster Druck hat die Band ins Off gesetzt, ein Jeder bedient sein Instrument nach Herzenslust, mit Verve und Demut. Die bisweilen ausgedehnten Passagen, in denen Piano und Bass die melodische Führung übernehmen und das Saxophon schweigt, lassen erfahren, dass das Trio selbst, wenn es kompositorisch begabt ist, zu eigenen Höchstleistungen in der Lage ist.
Die spannend komponierten und ohne ausufernde Improvisationsexperimente eingespielten Songs (7 Tracks, 48 Minuten) stammen aus Ochion Jewells Feder. Bis auf den abschließenden Track. Das Folkloremotiv "You are my sunshine", schon von tausenden Bands gespielt, den Beach Boys etwa, und das im Coen-Film "O Brother, Where Art Thou?" zu hören ist, gibt in Jewells kurzer Notizversion am Ende der CD eine interessante Markierung wieder. Jazz kann alles sein, alles kann zu Jazz werden, ohne Kitsch oder billig zu sein. Alles kann aus folkiger oder poppiger Schlichtheit in weit aufgefächerter Jazzphrasierung Klangfarben erzeugen, die verblüffen und beweisen, dass dieses Genre nicht nur nicht tot ist, sondern weitaus unterschätzt und längst nicht in seiner Vielfalt gewürdigt. Und mehr, als alle Popgenres zusammen.

ochion.com
VM





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