Spunk "Kantarell" (rune grammofon, VÖ: 22.05.2009)

Labormusik? Science Fiction? Die anfänglichen unbestimmten elektronischen Sounds werden erst durch den Cello-Einsatz Lene Grenagers organisch, fühlbar, musikalisch. Davor könnten die von Maja Solveig Kjelstrup Ratkje erschaffenen elektronischen Klänge dem Gehirn eines forschenden Wissenschaftlers entnommen worden sein (wie auch immer), aus einer unergründlichen Fabrikanlage oder von den Geräuschen stammen, die taubstumme Menschen beim Verschieben schwerer Metalltische auf Betonboden verursachen. Taubstumm, weil hörende Menschen diese Geräusche nicht ertragen würden.
Nicht, dass die - eher ambienten - Klänge des Quartetts Spunk, das seit 12 Jahren zusammenarbeitet, nicht zu ertragen sind. Doch einzelne Passagen, überlaut abgespielt, würden den Hörsinn lähmen und zu Schmerzen führen. Die zähen und dynamischen, atonalen und harmonischen Klänge in ihrem Nebeneinander und ihrer Verschmelzung ergeben als Ganzes Musik, einzelne Parts aus den "Songs" herausgerissen haben manchmal gar humorigen bis skurrilen, zumeist aber überwirklich schmerzenden Charakter.
Kristin Andersen (tr) und Hild Sofie Tafjord (fr-h) ergänzen das Line-Up, die Elektronikerin Ratkje fügt den verzauberten Klängen ihren ungewöhnlichen "Gesang" hinzu. Für derlei Akustik ungewohnte Musikhörer scheint es gewiss zu klingen, als hätte eine Band ihr Mikrofon nicht richtig verpackt, schlüge auf den Boden, kratze über Oberflächen und Instrumente, baumele durch die Luft und was es einfängt, ist von zufälligem Charakter.
Freunde außergewöhnlicher Klänge, die atonale Sounds und irrationale Harmonien lieben, werden - mit geschulten Ohren - ganz andere Erlebnisse haben. Spunk haben Humor. Sie lieben Krach wie Stille, ihre Sounds scheinen nicht aufgesetzt, künstlich, sondern geradezu organisch, gewachsen, von intimer Lyrik. Das Quartett scheint einen irren Spaß daran zu haben, diese improvisativ wirkenden, komisch eigenwilligen und radikal extramelodischen Klänge zu erfinden. Wie nur werden diese Songs klingen, wenn das Quartett sie live auf der Bühne aufführt? Gibt es eine komponierte Linie, einen Harmoniefaden? Oder wachsen die Songs aus augenblicklicher Inspiration? Letzteres scheint der Fall zu sein.
Gewiss könnte "Kantarell" mit Free Jazz verglichen werden, was die Extravaganz und Radikalität bedeutet. Musikalische Vergleiche dazu gibt es jedoch nur wenig. Zwei der vier Damen sind Jazzmusikerinnen, die beiden anderen zwischen Moderner Klassik, Neuer Musik und Avantgarde orientiert. Spunk ist jedoch kein Mittelpunkt der vier Basispunkte der Musikerinnen, eher die Abstraktion dessen.
Die Covergestaltung ist interessant wie die Musik, während auf dem Cover noch ein umgestülpter Pudding zu sehen sein könnte, entpuppt sich das Backcover als nackter Popo, was wiederum die Abbildung auf dem Frontcover zu einer weiblichen Brust (in der Draufsicht) macht? Auf den Innenseiten darf die Phantasie weitere potentielle Körperteile entdecken.
Kein leichtes Werk, kein Quatsch, kein Stumpfsinn, was Spunk mit "Kantarell" anbieten. Eine Klangreise ins Unbewusste, die selbst in lauten und überlauten Momenten ihren ambienten Charakter behält.

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VM



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